Von einer "neuen Ära" nach "einem der wichtigsten Premierminister, die das Land je hatte", sprachen israelische Politiker und Kommentatoren, als man sich an die Vorstellung zu gewöhnen begann, dass Ariel Sharon nicht mehr in sein Amt zurückkehren würde.

"Arik" war während seiner langen Karriere ständig umstritten, wohl auch einfach deswegen, weil er voller Widersprüche steckte: Er war Kriegsheld und Friedenspolitiker, Ideologe und Pragmatiker, für die einen eine heiß geliebte, humorvolle Führungsfigur und für die anderen ein brutaler "Mörder", ein Mann mit Wurzeln in der Arbeiterbewegung, der Likud-Chefs von rechts angriff, einer, "der tut, was er sagt", und zugleich einer, dem man nicht traute. Manche fanden, dass Sharon einen Drang hatte, das, was er aufgebaut hatte, wieder zu zerstören - etwa die Siedlungen im Gazastreifen und die Likud-Partei. Sharons Entscheidungskraft und Durchsetzungsvermögen setzten dabei Freund und Feind gleichermaßen in Erstaunen.

Mit den größten Überraschungen wartete Sharon in den letzten Jahren seines Lebens auf. Plötzlich predigte der alte Falke, die "Besetzung" und die Gazasiedlungen wären schlecht für Israel, und klang damit wie ein Aktivist der "Friede jetzt"-Bewegung. Tatsächlich war es dann ausgerechnet Sharon, der erstmals jüdische Siedlungen auflöste, ein Thema, das in Israel derart tabuisiert war, dass sogar die Oslo-Verträge ihm auswichen.

Bruch mit der Partei

Es war wohl das erste Mal in der Geschichte, dass eine Demokratie Truppen gegen die eigene Bevölkerung einsetzte, um sie erstens unter Zwang umzusiedeln und zweitens das Territorium einer fremden Macht zu übergeben. Ebenso kühn und unkonventionell war dann der Entschluss, als amtierender Premier einfach aus seiner angestammten Partei auszubrechen und eine neue aus dem Boden zu stampfen.

Die "Kadima" ("Vorwärts") war ein augenblicklicher Erfolg, die rechten Likud-"Rebellen", die dem "Diktator" Sharon das Leben sauer gemacht hatten, blieben mit langen Gesichtern zurück.

Als Sohn der russischen Einwanderfamilie Scheinermann kam Ariel Sharon am 27. Februar 1928 in der Landwirtschaftsgemeinde Kfar Malal bei Tel Aviv zur Welt. In seiner Autobiografie scheint er sich ständig darüber zu beklagen, dass ihn die Heimat immer wieder zu den Fahnen rief, obwohl er lieber ein ruhiges Bauernleben auf der Familienfarm geführt hätte. Im Sinai-Feldzug 1956 wurde der turbulente junge Offizier berühmt, als er mit einer Fallschirmjägereinheit den Mitla-Pass eroberte.

Im Jom-Kippur-Krieg 1973 führte er eine Wende herbei, als er entgegen den Befehlen den Suezkanal überquerte und eine ägyptische Armee einkesselte. Wie viele hochrangige Militärs in Israel wechselte Sharon in die Politik und wurde 1977 nach dem ersten Wahlsieg des Likud unter Menachem Begin Landwirtschaftsminister. Als Verteidigungsminister soll er dann 1982 im Libanon-Feldzug Begin in die Irre geführt und die Truppen eigenmächtig bis Beirut vorgeschickt haben - ein Vorwurf, gegen den Sharon sich entrüstet wehrte.

Nach dem Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Shatila, für das Sharon von einer Untersuchungskommission indirekt verantwortlich gemacht wurde, trat er vom Amt des Verteidigungsministers zurück, blieb aber im Kabinett.

In den 80er-Jahren war Sharon dann wieder Landwirtschaftsminister und wurde zur treibenden Kraft für den Siedlungsausbau. 1991 machte er Yitzhak Shamir das Leben schwer, als der damalige Premier sich unter schwerem amerikanischem Druck zähneknirschend entschloss, an der Friedenskonferenz von Madrid teilzunehmen.

Die Hochblüte erreichte Sharons politische Karriere aber erst, als er schon im vorgerückten Alter stand. Unter Benjamin Netanyahu wurde er 1998 Außenminister und nahm sogar an den Verhandlungen mit Palästinenserchef Yassir Arafat in Wye teil, weigerte sich dabei aber, dem "Terroristen" die Hand geben zu müssen. Insgeheim hatte sich Sharon freilich immer wieder mit palästinensischen Politikern getroffen, darunter auch mit Mahmud Abbas, der damaligen Nummer zwei der PLO, der Arafats Nachfolger werden sollte.

"Retter der Nation"

Als Netanyahu bei den Wahlen 1999 ein Debakel erlitt und der Likud in Trümmern lag, wurde Sharon mit 71 Jahren Parteichef, was bloß als Übergangslösung galt. Doch dann spülte die Geschichte den Mann, der in Israel und im Ausland von vielen geächtet worden war, ganz nach oben. Die zweite Intifada brach aus, der Arbeiter-Premier Ehud Barak wurde deswegen von den Wählern davongejagt, und Sharon konnte im März 2001 als "Retter der Nation" antreten. "Wer Sharon nicht als Verteidigungsminister wollte, bekommt ihn jetzt als Premier zurück", frohlockten seine Freunde.

Fünf Jahre und einen Gaza-Abzug danach wird Sharon von der ganzen westlichen Welt umarmt. George Bush bezeichnete ihn in den Genesungswünschen als "mutigen Mann des Friedens", sogar Jacques Chirac, der Sharon früher nicht riechen konnte, sandte eine Sympathiebotschaft und hofft, dass seine "mutigen Initiativen" fortgesetzt werden.

"In den letzten Jahren ist er der Vater Israels geworden", sagte der israelische UN-Botschafter Danny Gillerman, "und wenn der Vater hoffnungslos krank ist, fühlen wir, seine Kinder, uns sehr besorgt, beinahe verwaist und sehr, sehr traurig." "Noch ein einziges Jahr hätte er gebraucht", sinniert der Tel Aviver Taxifahrer Avishai, "er hätte die Wahlen mit einem Knall gewonnen und die Richtung für die Zukunft vorgegeben - jetzt hat die Sache keinen Kopf und keinen Schweif - eine Figur wie ihn gibt es nirgends mehr." (DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2006)