Dili - Mindestens 102.800 Menschen sind nach Erkenntnissen einer Untersuchungskommission während der 24-jährigen Okkupation Osttimors durch Indonesien ums Leben gekommen oder verschwunden. Ein Berater der Wahrheits- und Versöhnungskommission, Pat Walsh, erklärte, zudem seien mindestens 84.200 weitere Menschen an Hunger oder Krankheiten gestorben.

Der osttimoresische Staatspräsident José Alexandre Gusmao hat den 2.500 Seiten starken Bericht der Kommission Ende vorigen Jahres an das Parlament in Dili weitergeleitet. Die Ergebnisse wurden bisher nicht veröffentlicht. Frühere Schätzungen hatten die Zahl der Toten unter indonesischer Herrschaft auf 200.000 beziffert, etwa ein Drittel der Bevölkerung.

Osttimor, mit 15.000 qkm kleiner als Niederösterreich, war von 1520 bis 1975 portugiesisch. Nach der "Nelken-Revolution" in Lissabon (April 1974) zogen sich die Portugiesen aus ihrem Überseeterritorium zurück. Die Befreiungsbewegung "Fretilin" (Frente Revolucionaria de Timor Leste Independiente) rief am 28. November 1975 die Unabhängigkeit aus. Neun Tage später marschierten indonesische Truppen ein. Am 17. Juli 1976 wurde der Inselteil von der Besatzungsmacht ohne völkerrechtliche Wirksamkeit zur "27. Provinz" Indonesiens erklärt. Für die Vereinten Nationen blieb Osttimor mit seinen überwiegend katholischen Einwohnern völkerrechtlich unter portugiesischer Verwaltung bis zur Verwirklichung der Unabhängigkeit. Die Besatzungsarmee machte sich schwerster Menschenrechtsverstöße - systematischer Terror, Tötung und Vergewaltigung, Verschleppung von Bevölkerungsteilen - schuldig.

Erst nach dem Zusammenbruch der Suharto-Diktatur einigten sich Indonesien und Portugal unter UNO-Vermittlung auf ein Selbstbestimmungs-Referendum in Osttimor am 30. August 1999, doch die Besatzungsarmee und von ihr gesteuerte Milizen überzogen daraufhin die Inselhälfte mit einer Welle der Gewalt. Etwa 250.000 Menschen mussten fliehen, viele wurden von der Besatzungsmacht nach Westtimor vertrieben oder verschleppt. Eine multinationale Eingreiftruppe unter Führung Australiens setzte dem Morden ein Ende. Im Mai 2002 wurde Osttimor nach einer UNO-Übergangsverwaltung eine unabhängige Republik.

Der indonesische Überfall auf das vormalige portugiesische Territorium erfolgte mit Wissen und ausdrücklicher Unterstützung der USA, wie aus Geheimdokumenten hervorgeht, die bis Dezember unter Verschluss gehalten wurden. Washington hatte demnach schon ein Jahr zuvor Kenntnis von den Invasionsplänen des indonesischen Regimes. (APA/AP/AFP)