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Noch geht Gordon Brown einen Schritt hinter Premierminister Tony Blair. Viele Londoner Auguren sehen den Platz des ambitionierten britischen Finanzministers allerdings bereits im Jahr 2006 in der ersten Reihe.

Foto: REUTERS/Michael Stephens
In einem bestellten Neujahrsfilm stellt Großbritanniens Premierminister Tony Blair seine rastlose Energie zur Schau - eine Kampfansage an alle, die ihn schon 2006 abtreten sehen. Helfen könnten ihm heuer Fußball-WM und Irak-Rückzug.

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Ein Premierminister hat's schwer. Der Stress, der Druck, die vielen Überstunden, die jedes Gesetz sprengen - das alles, fand Tony Blair, sollten die Briten ruhig mal erfahren. Denn die hatten ihn unlängst, bei einer Umfrage nach den Mächtigsten im Lande, schnöde auf einen mageren siebten Platz verwiesen, gleichauf mit Terry Leahy, dem Chef einer Supermarktkette. Ein bisschen mehr Respekt, denkt sich Blair, könnte schon sein.

Folgerichtig öffnete Blair einem Kamerateam sämtliche Türen, auf dass es einen Tag in seinem Leben filme. Heraus kam ein Streifen, der ihn im rastlosen Einsatz zum Wohle der Nation zeigt, dribbelnd in der Schulturnhalle, Hände schüttelnd im Krankenhaus, wachen Blickes parlierend mit Jacques Chirac, dem ungeliebten Franzosen. In knapp vier Kinominuten schafft es der Mann, 15 verschiedene Krawatten zu tragen. Der optische Beweis, wie flexibel er ist.

Auslaufmodell

Oft lassen solche bestellten Stücke erahnen, welches Image ihr Auftraggeber unbedingt abstreifen möchte. Bei Blair ist es so, dass ihn die bissige Londoner Presse unisono zum Auslaufmodell erklärt, zum Fossil am Themsestrand. Dabei kann er ja, theoretisch, noch gut vier Jahre regieren.

Sicher, er hat sich selbst zur lahmen Ente degradiert, als er erklärte, bei der nächsten Parlamentswahl nicht mehr antreten zu wollen. Aber dass ihm jetzt schon die Luft ausgeht? Dass er abhebt, den Bezug zur Realität verliert, wie seine Kritiker meinen? "Mich interessiert immer nur eines", sagt Blair in dem Neujahrsfilm, "Fakten, Fakten, Fakten." Es klingt wie eine verdeckte Kampfansage an Gordon Brown, seinen Kronprinzen, ein Energiebündel mit höchsten Ambitionen, mit dem als Nachfolger Blair "glücklich" wäre (berichtete die Sun am vergangenen Freitag).

Das Jahr 2006, auf der Insel wird es im Zeichen der großen Personalfrage stehen. Wird Blair an seinem Ende noch nächtens über den Staatspapieren aus dem berühmten roten Koffer brüten? Oder hat ihn Brown, der Finanzminister, dann schon abgelöst?

Nüchtern betrachtet, ist das Duell so offen wie der Ausgang der Fußball-WM. Nur: Falls die Patrioten des New Statesman Recht behalten und England zum ersten Mal seit 1966 den Titel gewinnt (4:2 im Finale gegen Deutschland, tippt das Magazin), dann hat Blair ganz klar die besseren Karten. Er ist Engländer, Brown nicht, der ist Schotte. Falls überhaupt einer auf der Kickerwelle schwimmt, dann der Amtsinhaber.

Zumal er hoffen darf, dass ihn der Krieg im Irak, seine schwerste Bürde, bald etwas weniger belasten wird. Noch stehen die Briten mit achttausend Soldaten im Zweistromland. Doch im ruhigeren Süden, auf den sie sich konzentrieren, wollen die Iraker bis zum November die volle Kontrolle übernehmen. Immer deutlicher signalisiert Blair, dass 2006 nur noch ein kleiner Rest der überforderten Truppe Weihnachten in Basra feiern muss.

Falls der Atomstreit mit dem Iran nicht eskaliert, dürfte es ein Jahr der Innenpolitik werden. Den Weltstaatsmann, einen Part, der ihm neben ein paar Glamour-Galas Arm in Arm mit Bob Geldof und Bono jede Menge Ärger eintrug, braucht Blair nicht mehr zu spielen. Den Vorsitz der G-8 gab er in der Silvesternacht an den Russen Wladimir Putin ab, die Präsidentschaft der EU an Wolfgang Schüssel.

Home sweet home

Seine Baustellen liegen nun alle zu Hause, eine der riskantesten dürfte die Energiepolitik sein. Bis zum Sommer sollen hochkarätige Experten einen Bericht abliefern, um zu begründen, warum das Vereinigte Königreich neue Kernkraftwerke braucht - der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomstrom.

Heiße Debatten stehen auch dann ins Haus, wenn das Parlament über eine fällige Bildungsreform streitet. Blair möchte den Staatsschulen mehr Eigenständigkeit zugestehen, unter anderem bei der Auswahl ihrer Schüler. Skeptiker fürchten ein Zweiklassensystem, wie es die Briten mit ihren elitären Privatschulen schon kennen. Sie sehen landauf, landab "Proletenschulen" entstehen, wo sich die Kinder der Armen des Landes sammeln.

Blair braucht die Tories

Das Pikante an der Konstellation: Blair kann nur gewinnen, wenn die konservative Opposition für seine Reform stimmt. Aus seiner Labour-Partei weht ihm der Wind nämlich scharf ins Gesicht. Lenkt der Chef nicht noch hier und da ein, droht eine Palastrevolte - und vielleicht doch ein vorzeitiger Machtwechsel in 10 Downing Street. (DER STANDARD, Printausgabe, 08.01.2006)