Pro Jahr lässt jeder EU-Bürger im Schnitt 16 Kilogramm Elektroschrott in den Müll wandern: Ausgediente Computer, Staubsauger oder Kaffeemaschinen müssen dabei laut einer neuen EU-Richtlinie zu 50 bis 75 Prozent recycelt werden. Kunststoffe, die bisher zumeist auf Mülldeponien landeten, sind dabei die größte Herausforderungen für die Recycler.

Das kalifornisch-österreichische Jointventure MBA Polymers Austria errichtet nun im niederösterreichischen Wirtschaftspark Kematen eine Recyclinganlage, die ein neues Verfahren anwendet. "Wir erhalten von Metallrecyclern Kunststoffe, in Fetzen oder Streifen zerkleinert", erklärt Gerhard Ohler, Geschäftsführer von MBA Polymers Austria. "In mehreren Prozessstufen trennen wir diese dann vollautomatisch von Fremdstoffen wie Gummi, Holz oder Metall. Ziel ist, sortenreine Kunststoffe herzustellen, die dann wieder in den Primärkreislauf, also zur Herstellung von Elektrogeräten, zurückfließen", was laut Ohler bisher nicht möglich war. "Recycelte Kunststoffe kamen bei minderwertigen Anwendungen zum Einsatz oder wurden anderen Kunststoffen beigemischt."

Geringe Ausbeute

Während Stahl oder Aluminium aus Elektrogeräten zu mehr als 90 Prozent wiederverwertet werden kann, waren die Recyclingquoten von Kunststoff bisher eher gering. Ernst Luckner vom Kompetenzzentrum Elektroaltgeräte Recycling und nachhaltige Produktentwicklung (Kerp), das ebenfalls Verfahren zum Recycling von Elektroaltgeräten entwickelt, erklärt das mit der Vielfalt der Produkte. "Derzeit sind rund 10.000 technische Kunststoffe am Markt. Metallverbindungen gibt es im Vergleich dazu eher wenige." Hinzu kommt, dass Kunststoffe häufig mit anderen Materialien wie Holz, Glas, Draht oder Textilien durchmischt sind.

Die Recyclinganlage in Kematen beobachtet Luckner mit Spannung. "Technisch ist vieles machbar. Die Frage ist, ob sich die Anlage auch wirtschaftlich rechnet. Das entscheidet sich nach der Inbetriebnahme im Februar." Für den finanziellen Erfolg ist laut Luckner neben dem geeigneten Absatzmarkt auch der Ölpreis verantwortlich. Als Rohstoff bestimmt dieser den Kunststoffpreis, den MBA Polymers mit seinen Produkten unterbieten will.

Für den Umweltschutz könnte das Verfahren große Fortschritte bedeuten. Eine Tonne Kunststoff wird gewöhnlich aus 900 Liter Erdöl hergestellt. Bei geringerem Energieaufwand will MBA Polymers aus zwei Tonnen Abfall eine Tonne Kunststoff recyceln. Damit würden nicht nur Mülldeponien entlastet, sondern auch der Verbrauch von Erdöl eingeschränkt. Das Verfahren von MBA Polymers wäre zudem relativ umweltschonend, da die Kunststoffe mechanisch getrennt werden. Umweltbeeinflussungen durch Chemikalien oder Verbrennung fielen damit weg.

Die Recyclinganlage im Wirtschaftspark Kematen wird von einem Jointventure des österreichischen Metallschredders Müller-Gutenbrunn und dem kalifornischen Unternehmen MBA Polymers errichtet. 18 Millionen Euro kostet die Anlage, die im Februar in Betrieb gehen soll. Der Wirtschaftspark Kematen wird von der niederösterreichischen Wirtschaftsagentur ecoplus verwaltet, die die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Niederösterreich forciert. (Katharina Santner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 1. 2006)