Wien - Viel wurde über Ariel Sharons Gesundheitszustand spekuliert, wenig Konkretes von seinen Ärzten preisgegeben. Laut Eduard Auff, Vorstand der Wiener Uniklinik für Neurologie, stehe aber fest, der israelische Premier müsse einen seltenen, lebensbedrohlichen Hirnschlag erlitten haben - denn chirurgische Eingriffe nach einem Hirnschlag seien "nicht state of the art".

In 85 Prozent aller Hirnschläge sei Mangeldurchblutung Ursache. Der Rest sei auf Einblutungen ins Hirn zurückzuführen. Auch dabei sei medikamentöse Therapie, mit Gerinnungsfaktoren, meist effizienter. Ein Umstand, der zu Kritik an Sharons behandelnden Ärzten geführt hat. So erklärt etwa der Wiener Neurologe Michael Brainin, dass Hirnblutungen nicht operiert werden sollten. Ausnahme, ergänzt Auff: Es könne ein größeres Hirngefäß platzen und/ oder Hirnödeme (als Reaktion auf die Blutung sondert umliegendes Gewebe Wasser ab, schwillt an) erhöhen den Hirndruck lebensbedrohlich. In diesen seltenen Fällen müsse der Schädel geöffnet werden, damit sich das Hirn ausdehnen und/oder Flüssigkeit abgesaugt werden könne. Zu seiner Hirnschädigung komme es dabei aber immer.

Laut Sharons Ärzten sei nur die rechte Hirnhälfte geschädigt, Sharons Sprechvermögen sei daher nicht betroffen. Der Premier ist Rechtshänder, sein Sprachzentrum sitzt daher wahrscheinlich links (bei Linkshändern ist es zu je 50 Prozent links oder rechts). Genaueres könne man laut Auff aber erst in ein paar Tagen sagen. Und dass Sharon Montags bereits mit Hand und Bein (rechts) auf Schmerz reagiert habe, sage auch nichts: "Selbst im Koma ist das möglich." (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 10.01.2006)