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In der Vorweihnachtszeit hat der Vorstand der Wiener Börse, Stefan Zapotocky (53), noch bei der Krippenschau in seiner niederösterreichischen Heimatgemeinde Perchtoldsdorf an der Orgel gespielt. Als Obmann des dortigen Orgelvereins wird er oft zu Noteinsätzen gebeten. Wie man die richtigen Orgeltöne trifft, das hat der Präsident der Schubertgesellschaft in seiner Jugend, während seines Studiums der Wirtschafts- und Planungsmathematik studiert.

Gestern hat Zapotocky einen Paukenschlag gesetzt, indem er unerwarteterweise seien Rückzug von der Börse erklärte. Dort saß der begeisterte Segler mit Faible für Küstennähe ("für Ozeankapitän habe ich keine Ambitionen") seit April 2000 am Steuer. Der Wiener Leitindex ATX, Ende der 90er-Jahre noch totgesagt, hat sich in Zapotockys Amtszeit mehr als verdreifacht und steuert auf neue Rekordhöhen zu. Zu all der Sonne gab es intern auch Schatten, von Unstimmigkeiten innerhalb der Führungsriege der Börse war laut zu hören; Faktum ist, dass der damalige Vorstand Erich Obersteiner den Hut nahm. Zapotocky blieb - "ein Mann, der die Sonne liebt und im Schatten lieber andere sieht", wie das ein Marktbeobachter formuliert.

Dem heimischen Kapitalmarkt will der Vater dreier Kinder jetzt, nach seinem Abgang vom Wiener Börsenparkett, nicht ganz den Rücken kehren. Vielmehr will er sich künftig mit seinem eigenen Unternehmen auf die "Schaffung von Mehrwert bei erstklassigen Unternehmen in Zusammenhang mit Kapitalmarktfinanzierungen konzentrieren".

Die Kunst blieb Hobby

Der kühle Mathematiker und Manager, der vor allem Barock- und Renaissancemusik liebt, hat seine Entscheidung, die Kunst nur als Hobby zu betreiben, nie bereut. Denn als Organist müsse man schon "sehr gut sein, um an die Spitze zu kommen und davon leben zu können", gab er einst zu Protokoll.

Im Aufbauen von Neuem hat er schon Routine - zumindest privat. Bereits seit seinem 18. Lebensjahr renoviert der ebenso konservative wie katholische Manager eine kleine Burgruine in Niederösterreich, Stein für Stein. Akribie und Ausdauer wird er auch in seinem neuen Job als Unternehmer brauchen können. Dafür, dass er dabei nicht abhebt, sorgt schon seine Einstellung. Er habe gerne immer die Kontrolle und den roten Faden, man brauche Realitätssinn und dürfe nicht euphorisch sein, pflegt er diese selbst zusammenzufassen. Loben lässt er sich dennoch gerne. Vom Finanzminister wurde Zapotocky im Vorjahr mit dem Großen Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.

Einer großen Herausforderung will sich Zapotocky dereinst als Pensionist stellen: Für die sechs Triosonaten von Johann Sebastian Bach hat ihm bisher die Muße gefehlt. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.1.2006)