Knapp vier Milliarden Euro Mehrwert sollen die Olympischen Winterspiele heuer für den Austragungsort Turin und Umgebung bringen. Beim Turiner Handelskammerverband zeigt man sich über die mittelfristigen, wirtschaftlichen Auswirkung der Olympischen Spiele zuversichtlich. Die gesamte Region erwartet in den nächsten fünf Jahren einen Mehrwert von rund zehn Milliarden Euro, der durch mehr Tourismus und positive Auswirkungen auf Industrie und Handel entstehen soll.

Die Olympischen Spiele kamen für die einstige Autometropole Turin zum richtigen Zeitpunkt: Gerade als die durch die Fiat-Krise bedingte Deindustrialisierung ihren Höhepunkt erreichte und im Fiat Hauptwerk Mirafiori die Beschäftigtenzahl von 70.000 auf 15.000 sank, wurde mit den Infrastrukturen begonnen. 1,7 Mrd. Euro gaben der Staat und die Gebietskörperschaften aus, um Turin auf Hochglanz zu polieren.

Mimmo Arcidiacono, Chef der für die Infrastrukturen verantwortlichen Agenzia Torino 2006, ist mit der Arbeit jedenfalls zufrieden.

Weniger Zuversicht zeigen die Turiner selbst. Sie zweifeln daran, dass die Spiele wirklich reibungslos verlaufen werden. Der Grund für die weit verzweigte Skepsis ist offensichtlich. Die Millionenstadt Turin ist heute, genau ein Monat vor Olympiastart, eine einzige große Baustelle.

Bilanzloch

Die beiden Bahnhöfe, Porta Nuova und Porta Susa sind wegen der im Gang befindlichen Bauarbeiten für die U-Bahn nur über Umwege zugänglich. Die Umbauarbeiten am Turiner Flughafen Caselle sind noch nicht fertig gestellt. Der erste Teil der neuen U-Bahn soll noch vor den Start der Winterspiele in Betrieb genommen werden.

In den Vitrinen oder auf den Plakatwänden ist noch nicht viel von Olympia zu sehen. Derzeit wird in den Turiner Kaffeehäusern gewettet, ob es die Stadt schafft, bis zum 10. Februar "startbereit" zu sein. Nicht zuletzt, da das Organisationskomitee in Toroc ein überraschendes Loch von 60 Millionen Euro in seiner Bilanz aufweist, überwiegt der Pessimismus. Die Hotels in Turin und Umgebung, vor allem bei den niedrigeren Preiskategorien, sind noch nicht ausgebucht. Und der Kartenverkauf soll angeblich nicht so voranschreiten wie geplant.

Zweifellos hat aber Fiat und damit die Autostadt Turin die Talsohle durchschritten. Die rund 15.000 Zulieferfirmen für die Autoindustrie, Engineering und Designunternehmen arbeiten wieder auf Hochtouren. "Wir bleiben eine auf die Autobranche spezialisierte Stadt" meinte Autodesigner Andrea Pininfarina zum STANDARD.

"Die Olympischen Spiele sind willkommen, bewirken aber keine Wunder". Inzwischen scheint aber Pininfarina ein kleines Wunder vorzuhaben. Der Umsatz des weltweit renommierten Autodesigners soll von 400 Mio. Euro im Vorjahr auf knapp eine Mrd. Euro im laufenden Jahr wachsen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.01.2006)