Wien - Mit vier Uraufführungen will die Neue Oper Wien im Mozartjahr 2006 einen "bewussten Kontrapunkt zur Mozart'schen Reanimation" setzen - obwohl zwei der neuen Opern Auftragswerke des Wiener Mozartjahres sind. Eine "Zauberflöte 06" (Premiere: 19. März) des Komponisten Thomas Pernes wird das "amadeus ensemble" von Walter Kobera ebenso zum Erklingen bringen wie "Requiem für Piccoletto" von Dieter Kaufmann (Premiere: 28. März, beide im MuseumsQuartier Halle E).

"Leben + Tod"

Im am Donnerstag in Wien präsentierten und unter dem Motto "Leben + Tod" stehenden Jahresprogramm finden sich weiters die Ödön von Horvath-Vertonung "Don Juan kommt aus dem Krieg" (Premiere: 24. Juli im Rahmen des letzten "KlangBogen"-Festivals) des dänischen Komponisten Erik Hojsgaard sowie Richard Dünsers "Radek". Letzteres Werk kommt am 12. August auf der Werkstättenbühne der Bregenzer Festspiele zur Uraufführung und wird erst im Jahr nach dem Mozartjahr (25. bis 31. Jänner 2007) in Wien zu sehen sein.

Mozart habe die Gelegenheit gehabt, in einer auf neue Musik neugierigen Gesellschaft Neues auszuprobieren, betonte Kobera. Diese Chance gebe die Neue Oper Wien heutigen Komponisten, sagte auch der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S). Mailath-Pokorny sah - in Hinblick auf das eben als Opernhaus inaugurierte Theater an der Wien und die nunmehr im Zuge der Theaterreform mit einem Vierjahresvertrag über je 500.000 Euro ausgestattete Neue Oper Wien - "fast den Idealzustand erreicht", indem Wien die Avantgarde ebenso fördere wie "weiter in seine Stärke Musik" zu investieren. Auch der Generalsponsor der Neuen Oper, die Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, hat ihre Sponsorpartnerschaft bis 2010 verlängert, freute sich Kobera.

"Wirtschaftstycoon" Sarastro

Der Intendant des Wiener Mozartjahres, Peter Marboe, betonte, dass 2006 "gleichrangig mit der Freude am Feiern auch die Auseinandersetzung mit Mozart" stattfinden werde. Die zeitliche Nähe der Uraufführungen der Werke von Pernes und Kaufmann mache ersichtlich, dass diese "unterschiedlicher nicht sein können", so Kobera.

Pernes lässt in seiner "Zauberflöte" (das Libretto hat er gemeinsam mit der Autorin Gloria G. verfasst) die aus dem Mozartwerk bekannten Figuren an einer Party mit Reality-Show-Elementen teilnehmen, die der "schwer reiche Wirtschaftstycoon" Sarastro ausrichtet, schilderte der Komponist. Regie führt Andreas Leisner. Während Pernes Globalisierungskritik vermittelt, widmet Kaufmann in seinem Werk das Requiem einem jungen, unbedeutenden Menschen: Nach Josef Winklers "Römischer Novelle" zeigt "Requiem für Piccoletto" in der Uraufführungsregie von Alexander Kubelka Sinnlichkeit und Tod eines römischen Markthelfers.

Semper Depot wieder bespielt

Beim letzten KlangBogen bespielt die Neue Oper Wien wieder das Semper Depot: Erik Hojsgaards "Don Juan kommt aus dem Krieg" fügt sich in die Don Juan-Motivik des letzten derartigen Sommerfestivals des Theater an der Wien-Intendanten Roland Geyer ein. Das von Mascha Pörzgen inszenierte Werk wird jedenfalls nicht das letzte an dem ungewöhnlichen Spielort sein: Geyer schilderte, dass das Semper Depot auch nach dem zehnten und letzten KlangBogen eine "Außenstelle des Theaters an der Wien" bleiben wird.

Der Komponist Richard Dünser liefert mit "Radek" "meine persönliche Aufarbeitung der grauenhaften Verbrechen des 20. Jahrhunderts": Im Zentrum der von Gil Mehmert in Bregenz inszenierten Oper (Libretto: Thomas Höft) steht der galizische Jude Karl Radek (1885-1939), der von seiner Mitwirkung an der russischen Revolution über seine Unterstützung der Nazis in Deutschland bis zum Tod im sibirischen Lager alle wichtigen Ideologien des 20. Jahrhunderts miterlebt hat. "Er hat an Utopien geglaubt und ist im Verbrechen gelandet", schilderte Dünser. Die Musik verarbeitet Melodien, die diese Ideologien gekennzeichnet haben, mit u. a. Zitaten der "Internationalen" bis zum Horst Wessel-Lied, wie Dünser schilderte.

Neues Auftreten

Am Dienstag (17. 1.) präsentiert die Neue Oper Wien, die sich auch ein neues optisches Design und eine ebenso neue Homepage gegönnt hat, ein Buch, in dem ihre Aufführungen der vergangenen Jahre "sinnlich.hautnah" (so der Titel) nacherlebt werden können. (APA)