John Irving, Bis ich dich finde. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl. € 25,60/1152 Seiten. Diogenes, Zürich 2006.

Buchcover: Diogenes

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John Irving: Am 19. Februar präsentiert er im (jetzt schon nahezu aus- verkauften) Burgtheater seinen neuen Roman "Bis ich dich finde".

Fotos: Reuters/ Michael Kooren
Im amerikanischen Literaturbetrieb, sofern er sich im Bereich gehobener Bestseller-Ware bewegt, scheint man sich - von Jonathan Franzen bis Jonathan Safran Foer - in den vergangenen Jahren ein wenig von der manischen Suche nach der "Great American Novel" abgewandt zu haben (was die Bücher nicht unbedingt schmäler werden lässt). Stattdessen drängt sich - ähnlich wie im US-Kino im Gefolge von American Beauty - die etwas allgemeinere (und weit gehend spekulativere) Frage nach dem "Great American Trauma" in den Vordergrund. Will heißen: Wenn jemand schon nicht explizit 9/11 herbeimemoriert, wie zeigt er oder sie uns dann, auf welch schwankendem Terrain sich zeitgenössische Amerikaner heute bewegen?

Es ist interessant und bezeichnend, dass in Debatten zu diesem Thema John Irving kaum zitiert wird. Irgendwie scheint ihn die Literaturkritik ein wenig ins Eck der Erbverwaltung des Entwicklungsromans in der Tradition von Charles Dickens abgeschoben zu haben. Dabei ist doch gerade Irving über sein ganzes bisheriges und mittlerweile ziemlich umfängliches uvre hinweg wie besessen von jenen Altlasten und Disfunktionalitäten, die jetzt eine junge Autorengeneration für sich entdeckt: Bizarre Brückenschläge (und Missverständnisse) im Umgang mit Europa hat er seit Garp und wie er die Welt sah ebenso inständig imaginiert wie belastete Familien, in denen man die katastrophale, wenngleich auch immer wieder zu witzigen Momenten führende "Wahl" zwischen abwesenden Vätern und dominanten Müttern hat.

Egal, ob er in Gottes Werk und Teufels Beitrag einen Entwicklungsroman frei nach David Copperfield schrieb oder ob er mit Owen Meany die Grass'sche Blechtrommel neu variierte: Irving, der ewige "Handwerker" im Gefühlsbadezimmer, schien sich auch im Schatten großer Vorbilder eher wie ein intuitiv Begabter denn als hochliterarischer Konstrukteur zu bewegen. Nicht unähnlich dem zweiten Titanen der US-Unterhaltungsliteratur, Stephen King, wird er dafür vom großen Publikum euphorisch bejubelt - und gleichzeitig von Rezensenten ein wenig verächtlich behandelt. Es ist bezeichnend, dass er seine bis dato größte Auszeichnung als Drehbuchautor erhalten hat: Der Glanz des Oscars für Gottes Werk überstrahlt, dass die Romanvorlage Lasse Hallströms sowohl melodramatisch als auch erzähltechnisch bei Weitem übertrifft. Aber so, wie einst Arno Schmidt daherkommen musste, um uns die wahren Qualitäten eines Dickens einzubläuen, wird wohl auch hier entlang eines scheinbar sehr "konventionellen" Werks der überhebliche Elitismus mancher Kritikerpäpste relativiert werden.

Ein guter Anlass für erste Einsicht könnte nun der neue Roman Irvings, Bis ich dich finde, sein, ein 1100 Seiten umfassendes "opus maximum" (The New York Times), in dem der Autor auf den ersten Blick besonders opulent alle Sujets versammelt, die die Welt, wie sie seine Protagonisten sehen, so hart an den Rand zur Groteske treiben. Es klingt schon fast wie eine Selbstparodie, wenn er im ersten von fünf Teilen einen kleinen Buben und späteren Schauspieler an der Hand seiner Mutter quer durch Nord- und Westeuropa hetzt. Die beiden sind auf der Suche nach dem Vater und Ex-Geliebten, einem tattoo-süchtigen Frauenhelden und Organisten - was einerseits Anlass für Beschreibungen von Orgeln in diversen Kirchen und andererseits Begegnungen mit schrulligen Tätowierern am Rande zur Halbwelt bietet. Der breite, fast grobe und schematische Pinselstrich, den Irving da als Genremaler fast als Selbstparodie anwendet, ist jedoch nur die erste Falle, die er in diesem seinem bis dato ambitioniertesten Roman stellt.

Wenn nämlich in weiterer Folge die Distanz zwischen der Mutter und ihrem Sohn, Jack Burns, einem späteren Hollywood-Star mit Hang zu Frauenrollen, immer größer wird und wenn klar wird, dass Jack als Kind sexuell missbraucht wurde - dann wird zunehmend deutlich, dass man beim Lesen beständig jenes Zitat von William Maxwell im Hinterkopf behalten sollte, das Irving dem Buch vorangestellt hat: "Was wir, oder zumindest ich, überzeugt als Erinnerung ausgeben - womit wir einen Augenblick, eine Begebenheit, einen Sachverhalt meinen, die einem Fixierbad ausgesetzt und so vor dem Vergessen bewahrt wurden -, ist in Wirklichkeit eine Form des Geschichtenerzählens, die sich unaufhörlich in unserem Geist vollzieht und sich oft noch während des Erzählens verändert. Zu viele widerstreitende Gefühlsinteressen stehen auf dem Spiel, als dass das Leben jemals ganz und gar annehmbar sein könnte, und möglicherweise ist es das Werk des Geschichtenerzählers, die Dinge so umzuordnen, dass sie sich diesem Zweck fügen."

Die dem Zweck der Verdrängung untergeordnete, umgeordnete Erinnerung, ihre "Inszenierung" und die mitunter schematischen (Feind-) Bilder, die mit ihr einhergehen: Sie werden in Bis ich dich finde beständig und anfangs fast unmerklich, nur über kleine Irritationen am Rande, neu verrückt und sortiert. Im feiner und verästelter wird die Textur. Schon der auf die schablonisierten Kindheitserinnerungen folgende Teil über einen Buben, der in ein Mädcheninternat geworfen wird, ist Irving at his best: Ein Panoptikum grandioser (Frauen-) Figuren entfaltet sich da, bei dem im Falle einer (fast sicher erscheinenden) Verfilmung das Problem an guten Rollen für weibliche Stars jeden Alters zumindest einmal behoben werden könnte. Kaum jemand ist hier, wie er / sie zuerst scheint. Und immer weiter verstrickt sich Jack Burns in ein Spiel mit Frauenrollen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Es passt - vom Inhalt soll hier nicht viel verraten werden - gut zu diesem Verfahren, dass John Irving die Arbeit an diesem Buch in Interviews immer wieder als besonders strapaziös und auch privat aufwändig beschrieben hat: Nicht nur dass er selbst erst vor wenigen Jahren erfuhr, wo sein wirklicher Vater lebte, und nicht nur dass Irving selbst sich - im Zuge der Arbeit am Roman - eingestehen musste, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein: Noch wenige Wochen vor Drucklegung arbeitete er das Buch noch einmal komplett um und übertrug zum Beispiel die ursprünglich geplante Ich-Erzählung in die dritte Person.

Dass zudem die Passagen über Jack Burns' Karriere in Hollywood, kreisend um eine Romanverfilmung namens Die Schundleserin, vor Verweisen auf reale Produzenten und Stars nur so strotzt - das treibt die Sache manchmal stark in Richtung autobiografischer Schlüsselroman. Aber auch unter diesem Aspekt wird man dem motivischen Reichtum von Bis ich dich finde nur bedingt gerecht. Um noch einmal zum "Great American Trauma" und, ja, 9/11 zurückzukehren: Was Irving mehr oder weniger intuitiv und weit weg von bemühten Aktualitäten gelingt, ist nicht zuletzt die Geschichte falscher Täter- und Opferbilder. Eine Kürzestsynopsis dieser endlosen Suche eines verwirrten Sohnes nach seinem "geflohenen" Vater könnte etwa so lauten: Was geschieht, wenn man das Bild eines Bösewichts präsentiert bekommt, der für sämtliche Beschädigungen verantwortlich gemacht werden kann? Und was, wenn man schließlich feststellen muss, dass das wahre Problem in den eigenen Vorstellungen und jenen der so genannten Opfer liegt? William Maxwell: "Wie dem auch sei, wenn wir über die Vergangenheit reden, lügen wir mit jedem Atemzug."

Bis ich dich finde ist in diesem Sinne wohl John Irvings desillusionierendstes und bitterstes Buch. Es erzählt von der Zeit, die man damit verschwendet, keine Zeit für notwendige Klärung aufwenden zu wollen oder zu können. Auch wenn er seinem Protagonisten am Ende ein fulminant beglückendes Happyend vergönnt, überwiegt doch die Trauer darüber, was das für den Autor bedeutet haben mag: sich ein Leben lang in anderen Geschichten und Rollen zu ergehen und darüber die eigene fast aus den Augen zu verlieren. Am Wendepunkt, den dieses Buch in Irvings Schaffen und Leben markiert, kann man getrost die Prophezeiung wagen: Einem reiferen, möglicherweise experimentelleren "Alterswerk" werden hier die ersten Schienen gelegt. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2006)