Beten für das Theater: erste Kostproben aus dem Programm des TAG, einem Kind der Theaterreform.

Foto: TAG
Wien - Das Theater Gruppe 80 ist Geschichte. Ihm stand mehr als zwanzig Jahre lang mit Helga Illich und Helmut Wiesner ein Prinzipalenpaar vor, das sich vom Literaturtheater einfach nicht abbringen lassen wollte. Auch wenn rundherum an den Mittelbühnen postdramatische Formenpanik ausbrach - in der Gruppe 80 hielt man die Stücke hoch, Peter Handke, Robert Musil, Thomas Bernhard.

Alles Geschichte? Praktisch: ja. Was in der Gumpendorfer Mittelbühne künftig los sein wird, das ließ jenes im Zuge der viel diskutierten Wiener Theaterreform mit einem Vierjahresfördervertrag entsandte neue siebenköpfige Leitungsteam bei der restlos ausverkauften Eröffnung des TAG - Theater an der Gumpendorfer Straße - am vergangenen Wochenende nur anklingen:

Impro-Kammerspiel, Trashminidramen, Erzähltheater und die Aussicht auf viel versprechende Autoren wie Raoul Biltgen, Ulrike Syha oder das aus Villach gebürtige große Talent Robert Woelfl.

Letzterer stellte lesend sein demnächst bei S. Fischer erscheinendes Stück Ressource Liebe vor, das sich auf berückende Weise dem sich an der Firma verausgabenden Menschsein verschreibt: "Du kannst nicht mit dem Firmengebäude schlafen; es könnten dabei Gefühle verletzt werden!"; ein Stadttheater-Pollesch, man ist gespannt.

Neues Stück

Woelfl arbeitet mit dem TAG derzeit an einem neuen Stück, das im April Uraufführung haben wird. Arbeitstitel: Werkstatt Woelfl. Sibylle Bergs Das wird schon. Nie mehr lieben! kommt am 9. März in einer Inszenierung Margit Mezgolichs raus, und mit der Uraufführung von Holger Schobers Hikikomori, einem Stück über das vor allem unter Jugendlichen verbreitete Phänomen des Cocooning, des totalen sozialen Rückzugs, startet das TAG am kommenden Donnerstag seinen regulären Spielbetrieb.

Das Angebot: Zu dem gehören auch Specials wie das Talkformat Fight Club 2 oder der MutterTAG, was ein Angebot elternfreundlicher Theatertermine meint.

Drei Gruppen

Aus insgesamt 117 Einreichungen hat sich die aus drei freien Gruppen gebildete Kooperative Highthea (urtheater, Theater Kinetis und L.U.S. Theater) bei der Jury durchgesetzt. Alle sieben - Dana Csapo, Margit Mezgolich, Gernot Plass, Holger Schober, Georg Schubert, Isabelle Uhl und Ferdinand Urbach - sind für die künstlerische Leitung des Hauses zuständig, jede Gruppe mit zwei Inszenierungen pro Saison.

Und das mit weniger Geld, als es die Gruppe 80 hatte. Die Stadt Wien zahlt 735.000 Euro pro Jahr, die Bundesförderung von 235.000 Euro wurde ganz gestrichen. Für eine ansatzweise Sanierung des Hauses - das Eingangsfoyer ist neu gestaltet - gab's einmalige 150.000 Euro.

Der große Vorteil: Hier formiert sich kein erratischer Block. Das TAG bündelt sämtliche Kräfte der freien Szene unter seinem Dach. Die Herren und Damen, die sich bereits im hauslosen Zustand bewährt haben, bemühen sich - ähnlich dem Rabenhof - um ein gut konsumierbares Theater. Sprich: Es darf gelacht werden.

In den Stückanrissen beim Eröffnungsmarathon hat man so manche Frage vorläufig noch mit viel Lieblingsmusik beantwortet. Ob Xaver Bayers Heute könnte ein glücklicher Tag sein , jener Studentenroman, mit dem man Elisabeth Gehrer das Fürchten lehren wollte, mit Rambo bis Connie Frances ausgebuttert werden muss, das war am Wochenende aber noch egal. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2006)