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Oper in Berlin: Substanzvoll-skurrile Puccini-Ideen aus der Katharina-Wagner-Werkstatt.

Foto: APA/Jan Bauer
Den in Berlin eher spröden Hauptstadtglanz, den konnte Intendantin Kirsten Harms diesmal für die Deutsche Oper reklamieren. Bei der vom Bundespräsidenten angeführten Politprominenz mit Neigung für die Oper fehlte nur die Kanzlerin. Und obwohl nicht Richard Wagner, sondern Puccini auf dem Programm stand und in Festwochenformat bis in den Februar hinein weiter steht, war auch Bayreuth-Chef Wolfgang Wagner da - schließlich hat Tochter Katharina (27) Puccinis Trittico inszeniert. Nach dem Waffenschmied ist dies die zweite Arbeit jenseits von Wagner.

Der Dreiteiler hat unter Stefano Ranzanis Leitung musikalisch zwar schwankende Überzeugungskraft. Doch die Wagner-Urenkelin ist mit ihrem Team, Ausstatter Alexander Dodge und Dramaturg Robert Sollich, auf der Suche nach einem Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Stücken fündig geworden. Sie hat die Reihenfolge umgestellt und ihre hintersinnige Art von Vergegenwärtigung mit Spielwitz und Ironie auf die Bühne gebracht.

Der Einheitsbühnenraum mit einer Portaltür nach hinten zu und einer Madonna-Nische links in der Wand ist zunächst das Kloster, in dem Schwester Angelica daran verzweifelt, getrennt von ihrem Kind, dessen unehelichen Ursprung zu büßen. Der Glauben wird augenzwinkernd zum Lebenstrost. Die heilige Jungfrau ist nämlich lebendig, raucht auch mal eine und wirft Angelica ein Taschentuch zu, als die ein Zeichen erbittet. Hier dürfen Engel mit Großgefieder und ein leibhaftiger Jesus mit blinkendem Herzen noch wirklich trösten. Am Ende löst Angelica die Madonna in ihrer Nische ab.

In der Erbschleicherfarce Gianni Schicchi ist die Madonna längst zum Massenkitsch geworden. Die vom hinscheidenden Onkel mit der Erbschaft bedachten Mönche sind zu Hassobjekten der Verwandtschaft geworden, die sich schon in Vorfreude auf die Erbschaft die Hände reibt. Zwar verschwinden die fetten Erbhappen, die als Wunschbilder vor den gierigen Nasen baumeln, unter dem höhnischen Blinken des Kreuzes über der Tür schnell wieder. Doch Gianni Schicchi weiß Rat. Dass der in der Maske des umtriebigen Berliner Kulturanwalts Raue daherkommt und man in der ihren Papa bezirzenden Tochter ein augenzwinkerndes Selbstporträt der Regisseurin sehen kann, ist eine veritable Pointe.

Das Beziehungsdrama Der Mantel schließlich wird zu einer beklemmenden Beziehungsstudie. Hier ist ein Paar durch den Verlust seines Kindes so traumatisiert, dass er sich mit Arbeit betäubt und sie sich in sexuelle Fantasien flüchtet. Die Insignien des Glaubens kommen hier nur noch als Designererinnerungen vor. Das Eifersuchtsdrama wird zu einem hellsichtigen Beziehungsalbtraum mit surrealen Elementen.

Auch wenn Wagner hier die psychologisierende Bildersprache eines Hans Neuenfels auch hier zitiert, wird Il Tabarro zum Höhepunkt der Inszenierung. Das Publikum reagierte geteilt - von den Protagonisten war es vor allem von Cristina Gallardo-Domas (Angelica), Mariana Prudenskaja (Principessa und Zita), vom dröhnenden Paolo Gavanelli als Michele und Vincenzo La Scola als Luigi begeistert. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2006)