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Angela Merkel nach der jüngsten Regierungsklausur. "Sie hat den unbedingten Willen zur Macht, das hat sie von Helmut Kohl gelernt. Merkel wurde immer unterschätzt, sie wusste immer um den nächsten Schritt, und den ist sie dann konsequent gegangen", sagt der Biograf Gerd Langguth über sie.

Foto: AP/FRITZ REISS
Meinungsumfragen sind Momentaufnahmen - flüchtige Zahlen, die sich jederzeit wieder ändern können. Dennoch: Für den Augenblick kann Angela Merkel zufrieden sein. Die Mehrheit der Deutschen ist mit der Arbeit der neuen Bundeskanzlerin einverstanden (Emnid), und im ZDF-Politbarometer hat sie zum ersten Mal im Sympathie- und Leistungsranking den ersten Platz erreicht.

Merkel ist noch nicht einmal die berühmten ersten hundert Tage im Amt, und schon gibt sie die Kanzlerin, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Sie, die sich diesen Job so hart und mühevoll erkämpfen musste, regiert und handelt nun mit einer Sicherheit, die ihr viele in den eigenen Reihen nicht zugetraut haben. "Es macht Freude, wieder politisch gestalten zu können", sagt sie. Und der wahrscheinlich größte Triumph für Merkel: Diese Flitterwochen hat sie sich selbst geschaffen. Die Kanzlerin allein sorgt für ihre guten Noten.

Zugute kommt ihr zunächst natürlich eine Personalkonstellation, die sie sich früher nur im Geheimen erträumt hat: Ihr innigster Parteifeind, Edmund Stoiber, hat sich an ihr letztendlich die Zähne ausgebissen und leidet angeschlagen in München vor sich hin. Um Vizekanzler Franz Müntefering, der als starker SPD-Mann in die große Koalition gehen sollte, ist es ruhig geworden. Er ist nicht mehr Parteichef und damit auch nicht mehr so mächtig. Sein Nachfolger Matthias Platzeck wiederum hat keinen Platz im Kabinett, kann sich also nicht so gut Gehör verschaffen, wie es sich viele in der SPD wünschen.

Geringe Erwartungen

Von den zwei roten "Steinen" ist einer schwer angeschlagen: Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), der unter Gerhard Schröder Chef des Kanzleramtes war, fiel bisher vor allem durch seine Vergangenheitsbewältigung (CIA- und BND-Affäre, siehe links) auf. Peer Steinbrück (SPD), der Finanzminister, ist zwar wild entschlossen, das Budget zu sanieren, aber dafür braucht es noch ein wenig mehr Zeit.

Merkel glänzt auch, weil die Deutschen von ihr eigentlich wenig erwartet haben. In der Außenpolitik war die CDU-Chefin gänzlich unbedarft, da dies traditionell das Geschäft der Regierung ist. Aber das hat die 52-Jährige in Windeseile nachgeholt. Die EU braucht endlich einen Finanzplan - Merkel sorgt mit ihrem Verhandlungsgeschick dafür. Den USA müsste mal jemand sagen, dass Europa weder Foltergeständnisse noch das Gefangenenlager Guantánamo schätzt - Merkel spricht beides an und lässt Vorgänger Schröder im Nachhinein ziemlich alt aussehen.

Der wohl größte Coup gelang ihr beim Antrittsbesuch in Russland. Helmut Kohl saß mit Boris Jelzin in der Sauna, Schröder kuschelte sich so eng an Wladimir Putin, dass es peinlich war - Merkel hingegen schnitt auch das heikle Thema Tschetschenien an und traf russische Bürgerrechtler. Es war eine kleine Runde, aber von ihr ging große Wirkung aus.

"Sie hat den unbedingten Willen zur Macht, das hat sie von Helmut Kohl gelernt. Merkel wurde immer unterschätzt, sie wusste immer um den nächsten Schritt, und den ist sie dann konsequent gegangen", beschreibt Biograf Gerd Langguth die Physikerin aus Ostdeutschland. Als Schröder und sein grüner Vize Joschka Fischer 1998 an die Macht kamen, wollten sie mit ihrer "Regieren-macht-Spaß"-Attitüde gleich alles besser machen, scheiterten und enttäuschten dadurch. Die sachliche Merkel wurde nach ihrer Vereidigung nicht übermütig. Zwar erklärte sie pathetisch "Ich will Deutschland dienen", aber als Programm gab sie aus: "Viele kleine Schritte gehen."

Innenpolitisch hat Merkel noch keine groben Fehler gemacht, weil noch nicht viel passiert ist außer einer Wohlfühl-Klausur. Dennoch bangt die SPD um ihr Profil, denn jetzt wird Merkel auch noch "sozialdemokratisch". Ihre Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) lässt sie Gratis-Kindergärten fordern, sie selbst zeigt sich plötzlich offen für einen Mindestlohn, der ein Herzensanliegen der SPD ist. Doch bald schon werden die Deutschen Taten sehen wollen und dann (Stichwort Gesundheitsreform) könnte es für Kanzlerin Merkel deutlich ungemütlicher werden als jetzt. Aber sie ist Realistin und weiß: Jeder Honeymoon geht irgendwann zu Ende. (DER STANDARD, Print, 18.1.2006)