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Staatsanwältin Petra Habich im Prozess am Dienstag

Foto: APA/Roland Schlager
Wr. Neustadt - "Befindet sich jemand im Saal, der damals im Boot gesessen ist?", fragt die Richterin. - Wenn man sie sucht, erkennt man sie, an der Art, wie sie sich hier fremd und unwohl fühlen, an ihren bleichen Gesichtern, verbissenen Lippen, nach der Illusion einer Wiedergutmachung heischenden Blicken. - Deutsche Ex-Urlauber, Opfer (und Angehörige) von einem vorher niemals für möglich gehaltenen Pfingstunglück 2004 in der Seegrotte Hinterbrühl.

Damals ist die vermeintlich unverwüstliche Ilse, eines der beiden eingesetzten Touristenboote, mit seinen 28 Insassen in einer Kurve kurz vor der Ausstiegsstelle gekentert. Fünf unter dem Boot einklemmte Fahrgäste sind, wie es in der Anklageschrift nüchtern festgehalten ist, "durch Ertrinken zu Tode gekommen". Fünf möglicherweise dafür Verantwortliche stehen wegen fahrlässiger Gemeingefährdung vor Gericht.

Unsymmetrisch beladen

Die Worte der Staatsanwältin sind knapp, als würde dem nichts mehr hinzuzufügen sein: Der Schiffsführer hat ein "mit Fahrgästen und Leckwasser überladenes und außerdem unsymmetrisch beladenes Boot" in Betrieb genommen. Er war vom Betriebsleiter offenbar unzureichend geschult worden. Die beiden Geschäftsführerinnen hatten verabsäumt, einen Schiffsumbau am ursprünglichen Katamaran "Ilse" bekannt zu geben. Und der Beamte der niederösterreichischen Landesregierung hatte das zum Trimaran verbreiterte Boot 2003 ohne Prüfung genehmigt.

Die Verteidiger kontern - nach der obligaten Abgabe stereotyper Mitleidsformeln - mit der Schicksalhaftigkeit von Naturereignissen, an denen kein Mensch Schuld trägt. Ein Anwalt beschwört gar das trügerisch-idyllische Panorama, "dieses völlig ruhige, strömungsfreie, glasklare Wasser - kein Wind, keine Wellen". Da habe sich unvermutet ein Passagier, dem übel gewesen sein dürfte, über die Reling gebeugt. Und plötzliche kippte das Ding. "Niemand wollte es, niemand hatte das vorhergesehen."

Kein Zwischenfall

Auch die Statistik muss für die Verantwortung herhalten: Millionen Passagiere seien seit 1932 durch das unterirdische Gewässer der Grotte geführt worden. Die Boote hätten 80.000 Runden schadlos bewältigt. Nie gab es auch nur einen einzigen bedenklichen Zwischenfall.

Für den jungen Schiffsführer ließ sich auch am Pfingstmontag 2004 alles ganz normal an. Auf der Ilse fühlte er sich immer sicher, "sie galt als absolut unsinkbar", während das zweite eingesetzte Boot "deutlich mehr wackelte". Bei Vollbeladung (wie bei der Unglücksfahrt) hing die Ilse zwar merklich nach rechts, aber das war unter den Kollegen "nichts besonderes, das war immer so".

Wer oder was den Unfall ausgelöst haben könnte, bleibt für den Studenten bis heute ein Rätsel. Er würde gern vom "riesigen allgemeinen Schock" erzählen, als die gerade noch fröhlichen Bootsgäste und auch er selbst im neun Grad kalten Wasser trieben. Aber an dieser Stelle bricht die Richterin die Einvernahme ab, die Panikszenen haben nichts mehr mit der Strafsache zu tun. Der Prozess wird zu einem umfangreichen Beweisverfahren auf Ende Februar vertagt. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe, 18.01.2006)