Die Masturbation, geschlechtliche Selbstbefriedigung, Onanie. Über Jahrhunderte galt Masturbation als krankhaft, als verwerflich, als widernatürlich und als moralisches Vergehen – oftmals verbunden mit der negativen Bedeutung, die jeglicher sexueller Lust an sich zugeschrieben wurde. Dies führte im 19. Jahrhundert zu chirurgischen Behandlungen der "Krankheit", bei Mädchen und Frauen oftmals mit Ausbrennen der Klitoris und Klitorisabschneidung. Zwangsjacken, körperliche Züchtigung, Keuschheitsgürtel, etc. waren andere, gegen die Masturbation eingesetzte Mittel.

Diese Sichtweisen haben sich inzwischen geändert, wie Caroline Erb und Deborah Klingler in ihrem Buch "Mysterium Masturbation" nachzeichnen – auch die physiologische Unschädlichkeit der Selbstbefriedigung gilt von sexualmedizinischer Seite als unbestritten. Dennoch, mit der geschichtlichen Marginalisierung der weiblichen Sexualität und des weiblichen Orgasmus ging auch jene der weiblichen Selbstbefriedigung einher. Sie ist im Gegensatz zur männlichen Masturbation bis heute vielfach tabuisiert geblieben und wird unter Mädchen und Frauen wenig besprochen.

Interviews

Zur Beantwortung ihrer vier Forschungsfragen rund um weibliche Selbstbefriedigung in der heutigen Zeit haben die Buchautorinnen 30 Frauen im Alter zwischen 19 und 61 Jahren qualitativ interviewt. In den Gesprächen wurden die Themenbereiche Definition und persönliche Entwicklung von Masturbation, Selbstbefriedigung heute, sexuelle Fantasien, Formen der Masturbation, Selbstbefriedigung in der Partnerschaft, Pornografie, Erotik und der gesellschaftliche Stellenwert von Masturbation behandelt.

Ergebnisse

In den Antworten der Frauen zur praktizierten Selbstbefriedigung spiegelt sich Vielfalt wider: unterschiedliche Techniken, persönliche Vorlieben, ein breites Spektrum sexueller Fantasien. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Masturbation heute viel positiver bewerten als früher, diese als eigenständige Form ihrer Sexualität, als Mittel zur Entspannung und zum Stressabbau sehen, Genuss und Erholung erfahren. Mit dem verbesserten Körperbewusstsein werden auch positive Auswirkungen auf die partnerschaftliche Sexualität festgestellt. Gemeinsam ist den Frauen jedoch auch, dass sie das Thema zumeist als tabuisiert, in der Öffentlichkeit unterrepräsentiert und als nicht anerkannt erleben. Manche der Interviewten haben für diese Untersuchung das erste Mal offen über persönliche Masturbation und Fantasien geredet.

Angetreten, um ein Mysterium ans Licht zu holen, beleuchten die Psychologinnen Caroline Erb und Deborah Klingler die weibliche Selbstbefriedigung von allen Seiten und werfen (fast zu viele) Seitenscheinwerfer auf Themen wie sexuelle Störungen, Therapien und Sadomasochismus. Gelungen ist ihnen - nicht zuletzt dank der offen sprechenden Frauen -, eine wichtige Untersuchung zu einem Teilaspekt von Frauenl(i)eben vorzulegen, in die auch lesbische Frauen ganz selbstverständlich inkludiert sind (eine Seltenheit). So tragen die Autorinnen zu ihrem eigenen Plädoyer bei, nämlich zu einem entspannteren Zugang zu Sexualität (und Masturbation), denn "dies würde viele Frauen von ihren teilweise noch immer bestehenden Schuldgefühlen befreien (...). Gerade auf dem Gebiet der weiblichen Sexualität gilt es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten und mit alten und rigiden Mustern aufzuräumen." In der Tat. (dy)