Lissabon - Mitten im Wahlkampf wird Portugal erneut von einem der dunkelsten Kapitel seiner Kriminalgeschichte eingeholt. Der Fall des staatlichen Waisenhauses Casa Pia in Lissabon macht wieder Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft soll während der Ermittlungen über den sexuellen Missbrauch von 32 Schülern 80.000 Privatgespräche abgehört haben. Das berichtete die in den USA erscheinende portugiesischsprachige Tageszeitung 24 horas.

Dazu seien "augenscheinlich ohne richterliche Anordnung" insgesamt 208 Festnetzanschlüsse angezapft worden. Unter den Abgehörten sollen sich hohe Persönlichkeiten befinden, von Expremier António Guterres über den Oberstaatsanwalt, den Parlamentspräsidenten bis hin zum amtierenden Staatspräsidenten Jorge Sampaio. Während die Staatsanwaltschaft umgehend dementierte, erklärte Präsident Sampaio in einer Fernsehansprache, dass die "Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen" würden.

Der Prozess um Casa Pia geht derweilen mit den Anhörungen der Opfer, die zum Zeitpunkt des Missbrauchs zwölf bis 13 Jahre alt waren, weiter. Unter den neun Angeklagten befinden sich ein ehemaliger Botschafter, ein bekannter Fernsehmoderator und ein Politiker. (rw/DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2006)