Foto: © Barbara Palffy
Wien - Zwei deutsche Galeristen haben sich im Amerika der Neunzehnzwanziger eine einträgliche Existenz aufgebaut und pflegen auch eine gute Freundschaft. Anfang der Dreißiger geht Martin (Peter Pikl) wegen der Familie nach Deutschland zurück, der allein stehende Max (Karlheinz Hackl) bleibt in den USA, um sich um den gemeinsamen Kunsthandel zu kümmern. Die Kommunikation muss auf dem Postweg stattfinden: Empfänger unbekannt im stadtTheater Walfischgasse.

Die Briefe, die sich die beiden schicken, erzählen die Geschichte einer Entfremdung. Man sieht schnell: Max, von Hackl zu Beginn des Stücks irreführend naiv angelegt, ist der innig liebendere Freund, während der einst liberale Martin sich bald gschaftlhuberisch in der Münchner Kommunalpolitik umtut und "diesen Hitler" irgendwie nicht so schlecht findet. Männlichkeit zeige sich daran, dass man handelt.

Dass dieser Martin kein Guter ist, darauf deutet schon seine Wohnadresse Schloss Ranzenstein hin. Vor allem aber im Umgang mit Frauen kommt sein Charakter zur Geltung. Mit Max' Schwester hatte er einst eine Affäre. Die einzige dürfte es vermutlich nicht gewesen sein, ist Martin doch bestrebt, seine Frau immer schwanger zu halten: "Noch fünf Kinder, dafür werde ich sorgen!".

Martin will den Briefkontakt zum Juden Max abbrechen. Die Zensur lese längst mit, und überhaupt könne man nicht mehr Freunde sein: "Ich habe dich nicht wegen deiner Rasse geliebt, sondern trotzdem." Doch Max, der sich Sorgen um seine in Deutschland verbliebene Schauspieler-Schwester macht, schreibt erst recht weiter - und handelt im Folgenden mit Worten.

Erstaunlich: Empfänger unbekannt geht auf einen Text zurück, der 1938 als Fortsetzungsroman in den USA erschienen ist. Isabella Suppanz hat Kressmann Taylors fiktiven Briefwechsel, ein Beispiel für gute Kolportageliteratur, für die Bühne bearbeitet. Dramaturgisch gibt das sich von Brief zu Brief hantelnde Stück freilich nicht viel her, es lebt vom Text und den Akteuren. Schade nur, dass sich kein junges Publikum ins stadtTheater verirrt. Gerade für Schulklassen wäre Empfänger unbekannt eine nicht unspannende Geschichtsstunde. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2006)