Mit aktueller österreichischer Politik hat Friedhelm Frischenschlager, 1986 Verteidigungsminister in der rot-blauen Koalition, nichts mehr am Hut. Der 62-Jährige ist gerade aus Brüssel zurück, wo er als Generalsekretär der Union Europäischer Föderalisten für die Umwandlung der EU in einen Bundesstaat wirbt - ehrenamtlich natürlich, wie Frischenschlager gleich betont.

Seine Begeisterung über den aktuellen Zustand der FPÖ und des BZÖ hält sich in Grenzen. "Grotesk" sei die FPÖ, bei deren Vorstellung man sich nur "abbeuteln" könne, und einigermaßen skurril der Auftritt des BZÖ, der Frischenschlager stark an die Situation im Jahr 1986 erinnert: "Es ist ein Treppenwitz der Parteigeschichte, dass Haider mit der Gründung des BZÖ genau das versucht hat, was er mit dem Parteitag 1986 torpediert hat - nämlich einen rechtsliberalen Weg abseits des national ausgerichteten Lagers zu gehen. Bloß nimmt ihm das heute niemand mehr ab, und er selbst hält es auch nicht durch, wie der absurde Ortstafelstreit beweist."

1986 sieht Frischenschlager als Jahr des Umbruchs und der Zäsur, die auch seine persönliche Karriere maßgeblich bestimmt hat. "1986 hat auf mehreren Ebenen Bewegung in die politische Landschaft gebracht. Es war der Abschluss einer Nachkriegsentwicklung, die in einer Normalisierung zwischen den politischen Lagern gipfelte: Die Regierungsbeteiligung der FPÖ war der, wie man heute sieht, gescheiterte Versuch der Integration des dritten Lagers in den Kreis der regierungsfähigen Parteien. Das wurde kurzfristig erreicht, war aber zugleich ein Wendepunkt, wie der Innsbrucker Parteitag zeigt."

Jörg Haiders Triumph und die darauf folgende Ausrichtung der FPÖ nach rechts, sein populistisches Auftrumpfen, das die Partei in bis dahin ungeahnte Höhen tragen sollte, hätte eine Entwicklung abgelöst, die seit den frühen Sechzigerjahren auf ein Aufbrechen des de facto sozialpartnerschaftlich geprägten Zweiparteiensystems durch die FPÖ abgezielt habe. Frischenschlager: "Mit der Regierungsbeteiligung der FPÖ war dieses System zumindest angeknackst. Wir waren der Ansicht, dass man diesen Weg mit einem liberalen Kurs weiterverfolgen könnte - so wie die FDP in Deutschland. Das war unser Modell, inhaltlich wie strategisch."

Allerdings sei die FPÖ nicht stark genug gewesen, die Beharrungskraft der Sozialpartnerschaft zu überwinden: "Da hat die ÖVP vehementen Widerstand geleistet, weil sie genau gesehen hat, dass ihre Machtbasis infrage gestellt wird, wenn über längere Zeit rot-blaue Koalitionen möglich werden."

Haider wollte sich mit einer bloßen Erschütterung oder inneren Aushöhlung des Zweiparteiensystems, wie Frischenschlager es nennt, nicht zufrieden geben: "Er hat gespürt, dass die Menschen damit zunehmend unzufrieden waren und hat gesagt: Ich treibe SPÖ und ÖVP vor mir her. Das ist dann 1986 richtig losgegangen." Dass er selbst, Frischenschlager, mit seinem Empfang des Kriegsverbrechers Walter Reder der rot-blauen Regierung eine der schwersten Krisen bescherte, verfolgt ihn bis heute. Sein Handschlag versetzte den Bemühungen, eine liberale FPÖ regierungsfähig zu halten, einen massiven Schlag und begünstigte wohl auch Haiders Aufstieg:

"Natürlich werfe ich mir heute vor, dass ich nicht die Sensibilität hatte, Reder als doppelte Symbolfigur zu erkennen. Ich habe damals nur den aus 40-jähriger Kriegsgefangenschaft Heimkehrenden gesehen, der freikommt, nachdem sich der Papst und die österreichischen Bundeskanzler aller Parteien darum bemüht hatten. Dass Reder zugleich eine Symbolfigur für Kriegsverbrechen war, und ich selber kein Gespür für die Folgen eines solchen Empfanges hatte, dass man das alles auch seitens der Regierung anders hätte abwickeln müssen, das habe ich damals nicht gesehen." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2006)