Wien - Der Streit um den Preis für russisches Erdgas zwischen Moskau und Kiew Anfang dieses Jahres ist nach Ansicht des Politologen Oleksandr Suschko nicht spurlos an der ukrainischen Gesellschaft vorübergegangen. Im Gegenteil: "Der Gas-Konflikt hat zu einer weiteren Polarisierung in der Ukraine beigetragen - nicht zur Konsolidierung", sagte der Direktor des Kiewer Zentrums für Frieden, Konversion und Außenpolitik der Ukraine am Freitag auf einer Konferenz des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

Als Beleg für die offenbar deutlicher gewordene Kluft zwischen den Befürwortern eines westlich-europäischen Kurses und jenen, die sich eine enge Anbindung der Ukraine zu Russland wünschen, führte der Experte eine kürzlich veröffentlichte Umfrage an: Auf die Frage, ob der Gas-Streit ihr Votum bei den Parlamentswahlen im März beeinflussen würde, antworteten demnach zwar 45 Prozent der Befragten mit "Nein". 17 Prozent gaben laut Suschko aber an, der Streit habe sie bestärkt, für jene Kräfte zu stimmen, die für eine stärkere Unabhängigkeit von Moskau einträten. Ebenso viele Teilnehmer der Umfrage sagten hingegen, sie wollten nun Parteien wählen, die engere Beziehungen zu Russland anstrebten.

Auch andere Umfragen zeigen ein polarisiertes Bild. Die jüngste Veröffentlichung des renommierten Kiewer Rasumkow-Zentrums sieht die prorussische "Partei der Regionen" des früheren Ministerpräsidenten und Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch mit 24,7 Prozent vorn. Janukowitsch verlor 2004 die Wahl gegen den westlich orientieren heutigen Präsidenten Viktor Juschtschenko. Die Partei des Präsidenten, "Unsere Ukraine", liegt demnach bei 15,4 Prozent; die seiner ehemaligen Mitstreiterin Julia Timoschenko, die er im September als Ministerpräsidentin entließ, bei zwölf Prozent.

Zu einer Konsolidierung könnte nach Ansicht von Suschko nach den Parlamentswahlen am 26. März eine Regierungskoalition zwischen Janukowitschs "Partei der Regionen" und Juschtschenkos "Unsere Ukraine" beitragen, sagte er gegenüber der APA - eine Option, die durchaus realistisch sei, wenngleich sie das Reformtempo des Landes drosseln würde.

Deutliche Kritik übte Suschko in seinem Vortrag an der Europäischen Union - wie viele Konferenzteilnehmer aus anderen ehemaligen Sowjetstaaten auch. Die so genannte Europäische Nachbarschaftspolitik enthalte zwar wichtige Instrumente, die den Demokratisierungsprozess fördern könnten. "Aber sie ist nicht stark genug, um eine ernsthafte Karotte zu sein." Hier müsse es mehr Unterstützung, stärkere Anreize und klare Orientierungspunkte geben - gerade in dieser "riskanten Phase", in der sich das Land gerade befinde, sagte der Experte, ohne die Perspektive eines zukünftigen EU-Beitritts der Ukraine explizit zu nennen.

Entsprechend konstatierte Suschko einen "wachsenden Euroskeptizismus" in der ukrainischen Gesellschaft. Nach dem Ende des Regimes von Ex-Präsident Leonid Kutschma im Winter 2004 seien die Erwartungen der Menschen hinsichtlich einer Annäherung an die EU enorm gewesen. "Aber jetzt sehen sie, dass der Fortschritt sehr bescheiden ist." Die Enttäuschung sei groß - "und der Glaube ist geschwunden, dass eine EU-Perspektive realistisch ist". (APA)