Lissabon - Dass Portugal seinen ersten von der Rechten gestellten Staatspräsidenten seit der "Nelkenrevolution" und dem Sturz des autoritären Regimes im Jahr 1974 erhält, beschäftigt am Montag die Pressekommentatoren. Das neue Staatsoberhaupt, Anibal Cavaco Silva, wird mit einer sozialistischen Regierung unter Ministerpräsident José Socrates "kohabitieren" müssen.

"Diario de Noticias" (Lissabon):

"Die Linke verlor das Präsidentenamt. Die Sozialistische Partei präsentierte sich mit zwei Kandidaten gespalten. Die Wähler erteilten dem von Ministerpräsident Socrates nominierten Bewerber (Ex-Präsident) Mário Soares eine Abfuhr. Was nun, Herr Socrates? Portugal steht vor einer neuen Kohabitation. Auf die Regierung kommen schwere Zeiten zu. Socrates verlor nach den Kommunalwahlen im Oktober 2005 die zweiten Wahlen. Besonders grausam war der Wahlausgang für Soares. Der Alt-Präsident bewies einen unbändigen Kampfeswillen, aber er musste einsehen, dass seine Zeit vorbei ist..."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Die Wähler betrachten Cavaco Silva als 'Retter des Vaterlandes', der ein Klima des Vertrauens in ein Land bringen wird, in dem der Pessimismus herrscht. Die schwere Wirtschaftskrise hat in lediglich vier Jahren die Zahl der Arbeitslose verdoppelt. (...) Angesichts dieses Bildes haben die Wähler einen Wirtschaftsfachmann in das Präsidentenamt gewählt. Aber nach Ansicht von Experten handelt es sich bei dem Rechtsruck nicht um eine Protestwahl gegen die regierenden Sozialisten. Im Gegenteil, es handelt sich um eine Unterstützung für die Sozialisten nach dem Vorbild Tony Blairs. In der Tat hat Cavaco den Sozialistenchef Socrates zu keinem Zeitpunkt kritisiert. Die beiden Männer, wenn sie auch politisch gegensätzlichen Lagern angehören, sind doch einer Meinung in der Diagnose der ökonomischen Übel und ihrer Bekämpfung."

"La Repubblica" (Rom):

"Zum ersten Mal seit der Nelkenrevolution, die 1974 der Diktatur ein Ende gesetzt hat, gewinnt ein Kandidat aus dem Mitte-Rechts-Lager die Präsidentenwahl. Portugal vertraut sich dem Wirtschaftsfachmann Anibal Cavaco Silva an, einem Gemäßigten, der bereits von 1986 bis 1995 Ministerpräsident war. (...) Auf dem neuen Präsidenten lasten Erwartungen von beinahe messianischem Ausmaß - und das in einem Land, das im Abstieg begriffen ist und verängstigt durch die wirtschaftliche Krise, aber fast mehr noch durch den Verdacht, dass es sich um eine Krise des Systems handelt, also um eine nur schwer lösbare Krise. Aber das neue Staatsoberhaupt kann nicht sehr viel tun. Das politische System Portugals gibt ihm weniger Macht als sie etwa der französische Staatspräsident besitzt. Aber Cavaco kann sicherlich der sozialistischen Regierung das Leben schwer machen."

"FTD - Financial Times Deutschland":

"Zum ersten Mal seit der Nelkenrevolution zieht ein Konservativer in den Präsidentenpalast Belém ein. Ihm steht eine mit absoluter Parlamentsmehrheit ausgestattete Regierung der Sozialisten gegenüber. Cavaco Silva, der von 1985 bis 1995 schon portugiesischer Ministerpräsident war, hatte im Wahlkampf angekündigt, er werde zum Wohl des Landes die Regierung unterstützen. Für die Sozialisten ist das Wahlergebnis trotzdem eine herbe Niederlage. Die Wahl Cavaco Silvas ist auch Ausdruck der Enttäuschung der Portugiesen über das erste Regierungsjahr der Sozialisten. Die Partei hatte unter anderem Milliardeninvestitionen in moderne Technologien angekündigt, um die grassierende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Dieses Wahlversprechen musste sie auf Grund eines Haushaltsdefizits von 6,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts begraben und stattdessen ein Sparprogramm auflegen. Von Cavaco Silva erhoffen sich viele Portugiesen einen Ausweg aus der Krise." (APA/dpa/AFP)