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Foto: APA/Gindl
Der Zund stammte von einem profil-Informanten mit höchster Glaubwürdigkeit und ging am Mittwoch der vergangenen Woche in der Redaktion ein. Damit setzte der Informant in Sachen Saliera eine mediale Groteske in Gang, die der realen nur wenig nachstand. Denn tags darauf kontaktierte profil die zuständigen Fahnder der Kriminaldirekton 1, um die Informationen zu verifizieren , musste bei dieser Gelegenheit allerdings erfahren, wie hart das Leben sein kann, denn auch andere Medien seien über die neuen Entwicklungen im Bilde, hätten aber zugestimmt, Stillschweigen zu bewahren, um die Fahndung nicht zu gefährden. Jede Veröffentlichung bedeute zwangsläufig, dass das Salzfass für immer verschwinden werde.

"profil", endlich wieder einmal in der guten Hoffnung auf einen Knüller nach eher einschläfernden Titelgeschichten wie Lifestyle 2006 und ähnlichen, sah sich nicht in der Lage, so einfach zu versprechen, der Öffentlichkeit die neuen Informationen vorzuenthalten, Saliera hin oder futsch. In der Redaktion wurde das Interesse der Öffentlichkeit gegen jenes der Polizei in langen Diskussionen abgewogen, wobei das Interesse der Polizei letztlich für leichter befunden wurde als das Interesse der Öffentlichkeit an dem Kunstobjekt, und beides für leichter als das Interesse des Magazins an einer heißen Story. Worauf sich die Polizei entschloss, am Freitag, noch vor profil", mit einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit zu gehen, ungeachtet der Gefahr, der Dieb würde die Saliera mit hoher Wahrscheinlichkeit zerstören, erfahre er, dass die Polizei ein Foto von ihm besitze, das ihm beim Kauf einer SIM-Karte für ein Mobiltelefon zeige.

Die Pressekonferenz wurde kein unmittelbarer Erfolg für die Polizei, wenn man einem rasenden "Presse"-Chefredakteur glaubte, der die bis dahin erfolglosen Verdachtschöpfer unter dem Titel Herr Kottan ist ein Plauderer mit seinem Zorn darüber begoss, doch auch etwas gewusst zu haben, es aber nicht anbringen zu dürfen.

Böse, böse Medien. Drohen damit, die Informationen, die sie ohne sichtbare Gewaltanwendung von geschwätzigen Ermittlungsbeamten zugesteckt bekommen, wenn sie sie nicht ohnehin schon von der Zahnarztgehilfin erfragt haben, die neulich ihren Lieblingsinspektor an der Billa- Kasse angeblinzelt hat, ja, also die drohen das dann tatsächlich auch noch zu veröffentlichen. Obwohl das den Ermittlungserfolg beeinträchtigen könnte.

Es bleibt der "Presse" selbstverständlich unbenommen, sich ihre Informationen von der Zahnarztgehilfin zu beschaffen, die neulich ihren Lieblingsinspektor an der Billa-Kasse angeblinzelt hat. Aber dass ausgerechnet der Chefredakteur dieses uralte Redaktionsgeheimnis preisgab, ließ auf beträchtliche Frustration schließen. Verständlich. Erst darf "Die Presse" nicht schreiben, was einige Medien wissen, und dann stellt sich in der Pressekonferenz heraus: Die Polizei hat nichts. Nada. Niente. Nothing. Der Mann ist polyglott, das bringt jede Zahnarztgehilfin zum Sprudeln.

Vor allem der Gedanke, die Ermittler wären fast so frech gewesen wie der Dieb, schien dem "Presse"-Chef überaus tief, weshalb er ihn gleich zweimal vortrug. Am Anfang: Die Saliera-Ermittler schreiben ihren Flop den Medien zu und erweisen sich damit als fast so frech wie der Dieb. Und noch einmal am Schluss: Wer die eigenen Fehler einfach den Medien anlastet, ist aber fast so frech wie der Dieb, der die Ermittler narrt.

Kaum hatte sich den "Presse"-Lesern eingeprägt, dass zwischen der Frechheit des Diebes und der Frechheit der Polizei fast kein Unterschied besteht, gerieten die Dinge – wie inzwischen bekannt – ins Rollen. Zu spät für "profil", um die Früchte seines Eifers im Interesse der Öffentlichkeit lukrieren zu können, zu früh für "Die Presse", um die Fleischhacker lesende Öffentlichkeit länger rätseln zu lassen, ob die Ermittler aus Frechheit oder aus Masochismus ihren grandiosen Flop in allen Details der Öffentlichkeit geschildert haben.

Der freche Dieb war längst entlarvt, als "profil" mit der Neuigkeit erscheinen konnte. Der einzig verbliebene Ermitt 6. Spalte lungsansatz lautet daher: warten. Und Ausschau halten nach dem gut aussehenden Mann auf dem Foto. Und für den Ernstfall einer Saliera- Zerstörung ließ sich das Magazin noch rasch Absolution erteilen: Die Veröffentlichung des Fotos könne vielleicht doch zu einem Fahndungserfolg führen. Vielleicht.

Da verfügte Michael Fleischhacker am Montag schon über Gewissheit. Die Saliera ist wieder da. Good news für das Land und sein größtes Museum, Bad news für unsereinen. Aber das Leben geht weiter. War nicht wirklich ein guter Tag für Polizeikritik, dieser Samstag: Wer in der Morgenausgabe seiner Zeitung schreibt, die Polizei habe eigentlich nichts in Sachen Saliera – um exakt zu sein Nada. Niente. Nothing – und solle sich, was das Durchsickern von Ermittlungsergebnissen betrifft, nicht über die Medien aufregen, sondern sich selbst an der Nase nehmen, konnte spätestens am frühen Nachmittag nur als Trottel der Nation dastehen.

Jetzt nicht sagen: Schuld ist die Zahnarztgehilfin ! (DER STANDARD; Printausgabe, 24.1.2006)