Zürich/München/Frankfurt (APA/dpa) - Die bevorstehenden palästinensischen Parlamentswahlen und die Perspektive eines Hamas-Erfolges werden am Dienstag von der internationalen Presse kommentiert:Neue Zürcher Zeitung

"Die drei politischen Gruppen, die Fatah-Nationalisten, die Hamas-Islamisten sowie die Linken und Unabhängigen, wecken alle große Hoffnungen auf einen politischen Neubeginn. Korruptionsbekämpfung, öffentliche Ordnung und strategischer Konsens sollen die Institutionen einigen und stärken. (...) Unbeteiligte sehen in dieser zweiten Legislativwahl die Chance zur Berichtigung gravierender Schwächen. Die Islamisten von der Hamas nehmen zum ersten Mal teil, und angesichts der fundierten Aussichten auf knapp ein Drittel der Mandate ist das Ende der Fatah-Alleinherrschaft gewiss. Umgekehrt ist eine neue Strukturschwäche hinzugekommen: Der Osloer Friedensprozess steht nicht mehr mit seinen vielversprechenden Möglichkeiten der Staatswerdung bevor, sondern er ist im Misserfolg der Verhandlungen und der blutigen Intifada gescheitert. (...) Die Hamas pflegt den Slogan 'Eine Hand baut auf, die andere Hand kämpft'. Doch die zentrale Frage nach der Bereitschaft der Hamas, an Verhandlungen mit Israel teilzunehmen, wird von verschiedenen Führungsleuten widersprüchlich beantwortet."

Süddeutsche Zeitung

"Die Hamas hält im Gaza-Streifen ihre Hochburg. Sie ist sehr populär. Ihr werden bei der Parlamentswahl so viele Stimmen vorhergesagt wie der Fatah. Längst regiert Hamas in Gaza und lebt den Staat vor, der ihr vorschwebt: ein Gewaltstaat, der rigide mit mittelalterlichen Vorstellungen beherrscht wird. Seit dem israelischen Rückzug haben Hamas-Mitglieder Journalisten, UN-Angestellte und die paar Touristen entführt, die sich überhaupt noch in das Gebiet getraut haben. Die Hamas-Männer wollen belohnt werden für ihren Kampf gegen Israel - mit Geld und Ämtern. Sie werden verehrt, weil sie die als korrupt geltenden Fatah-Funktionäre herausfordern. Ein Sieg der Hamas könnte peinlich werden für Israel, die EU und die USA, weil sie mit Terroristen nicht verhandeln wollen. Am Ende würde dies die Isolation des Gaza-Streifens verstärken. Doch wenigstens einige Menschen dort haben das erkannt. Wenn man genau hinschaut (und hinhört), lassen sich auch andere Töne vernehmen. Neue Töne der Konzilianz, Töne der Sehnsucht nach einem friedlichen Ausgleich..."

Frankfurter Rundschau "Bei den Wahlen in Afghanistan wie im Irak traten Gruppierungen an, für die Terrorakte kein Fremdwort sind. Unter dem höheren Ziel der demokratischen Mission drückte man ein Auge zu. Das ist kein Plädoyer dafür, über ideologische Hardliner in der Hamas hinwegzusehen, erst recht nicht über ihren bewaffneten Flügel. Nur, die größte radikal-islamische Bewegung der Palästinenser, die sich den Listennamen 'Veränderung und Reform' zulegte, ist selbst nicht mehr ganz die, die sie einmal war. Im Grunde geht das Dialog-Konzept des moderaten Präsidenten Mahmoud Abbas auf. Über die Wahlen scheint sich die Hamas in das politische System zu integrieren. An den vor einem Jahr vereinbarten Waffenstillstand hat sie sich besser gehalten als alle anderen militanten Fraktionen, einschließlich der Al-Aksa-Brigaden der Regierungspartei Fatah. Die Wahlplattform der Hamas hat mehr gemein mit Fatah-Positionen als mit denen ihrer alten Charta, die Israels Zerstörung propagierte. Wie also soll die internationale Gemeinschaft mit der Hamas umgehen? Ein Kontaktverbot ergibt keinen Sinn. Eher schon Anreize zum Dialog unter Bedingungen. Wie weit der führt, lässt sich davon abhängig machen, ob die Hamas ihre Gewaltoptionen aufgibt. Vielleicht wird mit der Hamas kein Frieden zu machen sein. Ohne sie aber auch nicht."