Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel steht vor ihrem ersten großen internationalen Auftritt außerhalb der geschützten Werkstätte eines Staatsbesuchs. Vor über 2000 Managern, Industriellen, Wissenschaftern, NGO's und Journalisten eröffnet sie Mittwochabend mit dem Schweizer Bundespräsidenten Moritz Leuenberger das "World Economic Forum" in Davos. Das Gipfeltreffen der globalisierten Geschäftswelt verwandelt sich immer mehr in einen Managementkurs der Superlative. An die Stelle vieler Debatten sind Meetings zwischen Finanz- und Wirtschaftsministern einerseits und Managern andererseits getreten. Die Mehrheit der "Schüler" kommt aus den USA.

In den großen "Paneldebatten", die für alle Teilnehmer offen sind, dominiert längst nicht mehr Europa. Heuer geht es vor allem um Indien und China. Die Aufstiegsgeschichte der beiden Riesen und deren künftige Rolle wird in zahlreichen Referaten von Ökonomen und Bankern analysiert. Dazu kommen wie immer die EU-Kandidaten: Sie werben um Kontakte. Am eifrigsten die Türken, deren Regierungschef Erdogan schon ein Stammgast in Davos ist.

Obwohl Österreich "EU-Präsident" ist, scheint kein Wiener Politiker in der Referentenliste auf. Auch unter den Teilnehmern ist die Zahl der Österreicher dramatisch zurückgegangen. Geldmangel kann nicht die Ursache sein. Denn es gibt mindestens zwei Dutzend Banker und Unternehmer, die sich die hohen Teilnehmergebühren locker leisten können. Sie könnten ja auch mit dem Dienstauto oder mit der Bahn anreisen. Dort, im Erste-Klasse-Wagen der Rhätischen Bahn, hat erstmals Sudoku Einzug gehalten. Mindestens ein Drittel der Passagiere hatte Rätselbücher in der Arbeit. Worauf ein US-Journalist resignierend bemerkte: "These awful riddles are eating our journalistic quality..." (DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2006)