CAT POWER The Greatest (Matador/Edel)

Die eigenwillige und wegen ihrer scheinbaren Distanzlosigkeit zur eigenen künstlerischen Position unter die Haut gehende US-amerikanische Songwriterin Chan Marshall alias Cat Power hat ihr neues Album wie schon What Would They Community Think? aus 1996 in Memphis, Tennessee, aufgenommen. Gemeinsam mit dem von Willie Mitchells legendärer Soulfirma Hi Records bekannten Hausgitarristen Mabon "Teenie" Hodges, dem alten Songwriting-Partner von Al Green, der mit diesem gemeinsam unter anderem die Klassiker Love And Happiness und Take Me To The River schrieb, sowie Teenies Bruder, dem Bassisten Leroy "Flick" Hodges am Bass und dem Schlagzeuger von Booker T. And The MG's, Steve Potts, ist in den legendären Ardent Studios ein ebenso beseeltes wie angenehm faul zurückgelehntes Album entstanden.

Foto: Matador/Stefana Giovannini

Dieses muss als bisher eingängigste Arbeit von Chan Marshall gewertet werden. Die Musik swingt angenehm zwischen Southern Soul und Südstaatenrock im Sinne der ebenfalls schon in den Ardent-Studios groß gewordenen Big Star um Alex Chilton in den 60er-Jahren. Cat Power befindet sich auf der Höhe ihres songwriterischen Könnens und räkelt sich in Songs wie Willie, Where Is My Love oder dem Titelstück wohlig leidend und darüber leicht amüsiert in den Arrangements.

Albumcover: Matador/edel


ARCHITECTURE IN HELSINKI In Case We Die (Moshi Moshi Records/Edel)

Die Band mit dem halboriginellen Namen stammt aus Australien. Sie hat sich mit achtköpfiger Stammbesetzung und diversen Gästen auf gut 50 verschiedenen Instrumenten und einem Hang zum fröhlich dilettantischen Chorgesang der barocken Opulenz und dem melancholischen Sturm und Drang verschrieben. Wer aktuelle kanadische Spitzenreiter dieser eskapistischen Pop-Raserei wie The Arcade Fire oder Wolf Parade zu schätzen weiß, wird auch hier bestens bedient. Allerdings fehlt dem ganzen Unternehmen im Gegensatz zur ungleich prominenteren Kollegenschaft etwas gar viel vom Herzblut. Architektur ist halt oft auch eines: Sie ist konstruiert.

Albumcover: Moshi Moshi Records/Edel


FEHLFARBEN 26 1/2 (V2/Edel)

Die großartigen und stilprägenden deutschen Punk- und Neue Deutsche Welle-Veteranen Fehlfarben aus Düsseldorf um Peter Hein (Paul Ist Tot, Grauschleier, Das Sind Geschichten . . .) feiern ein unrundes Jubiläum. Und sie veröffentlichen offensichtlich aufgrund fehlenden neuen Materials in Folge ihres großartigen Comebacks Knietief Im Dispo aus 2002 ein Album mit eigenen alten Hadern. Vorgetragen werden diese großteils von (bekannteren) deutschen Kollegen. An und für sich eine gute Sache, wenn Leute wie Herbert Grönemeyer, Helge Schneider, Dirk von Lotzow (Tocotronic), Jochen Distelmeyer (Blumfeld) oder der im Alter auch nicht unpeinlicher werdende Punkbeamte Campino von den Toten Hosen der heutigen deutschen Weltjugend das Erbe der Väter näher bringen wollen - und damit gleichzeitig für ein wenig Bewegung auf den Konten von Peter Hein, Thomas Schwebel und Co. sorgen.

Screenshot: http://www.fehlfarben.de/

Allerdings ist die musikalische Umsetzung etwas gar bieder geraten. Zwischen Grönemeyers Begleitband und den Fehlfarben besteht rein vom Sound dieses kreuzbraven Rockertums her nur mehr wenig Unterschied. Das klingt also insgesamt etwas in die Jahre gekommen und im Vergleich zu den nach wie vor mitreißenden Konzerten der Fehlfarben sehr, sehr bieder. Schade. Und dass Hein heute freiwillig noch einmal jenes Lied singt, das er immer so sehr hasste, ist eigentlich unverzeihlich: Es geht voran?!
(schach/RONDO/ DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2006)