Österreich hat mit der Arbeit der Historikerkommission und einer Vielzahl von Unternehmensstudien die breite Aufarbeitung des Kapitels Zwangsarbeit in der Zeit von 1938 bis 1945 erfolgreich begonnen und sollte bei der morgigen "Versöhnungskonferenz" mit hochrangigen Vertretern der USA und einiger europäischer Staaten der Lösung dieses über Jahrzehnte verschleppten Problems einen weiteren Schritt näher kommen.

Wir wissen heute, dank der Vielzahl der neuesten Forschungsarbeiten, deutlich mehr über Zwangsarbeit in Österreich als noch vor 36 Monaten. Für die Unternehmen auf dem Gebiet des heutigen Österreich ist ein klares Entwicklungsmuster zu sehen: Die Zwangsarbeit ausländischer Arbeitskräfte in der deutschen Kriegswirtschaft wurde zwar nicht von den Betrieben auf dem Gebiet des heutigen Österreich erfunden. Doch wo das Unrechtsregime des Nationalsozialismus die pseudorechtlichen Voraussetzungen geschaffen, vor allem aber die nötige Macht in die Hände der Unternehmen, der Verwaltung und der lokalen Polizei gelegt hatte, dort setzten öffentliche Hand und private Unternehmen nahezu ausnahmslos Zwangsarbeit ein.

Die in den zahlreicheren Firmenstudien zum Thema dargestellte Behandlung der Männer und Frauen auf den Baustellen und in den Betrieben belegt, dass im Schatten des Strebens nach Gewinnmaximierung sehr rasch eine menschenverachtende Ausbeutungsmentalität wuchs, die den Tod und die Qualen der eingesetzten Arbeitskräfte selbstverständlich in Kauf nahm.

Normen-Kollision

Gesine Schwan hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass Moral, Gewissen und Rechtsbewusstsein wohl nicht, wie Hannah Arendt formulierte, im Bewusstsein der Deutschen (und Österreicher) ausgelöscht waren. Es entwickelte sich vielmehr ein "Dualismus" von traditioneller Moral und den "mörderischen Normen des Nationalsozialismus".

Diese Kollision zwischen der traditionellen, humanistischen Moral und der NS-Moral wurde für das gesamtgesellschaftliche Phänomen der Ausbeutung von Millionen durch Zwangsarbeit auch nach Kriegsende nicht aufgelöst. Heinrich Himmler gibt in seiner berüchtigten Rede zum Mord an den Juden Europas vor Gruppenführern der SS in Posen ein Beispiel für diesen moralischen Dualismus: "Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht."

Nur ein kleiner Teil der österreichischen Wirtschaft und ihrer Unternehmensführungen war an der "Judenvernichtung" beteiligt. Doch die vielfältigen Aktivitäten, bei denen KZ-Häftlinge, entrechtete jüdische Bürger zu Tode gehetzt und Männer und Frauen aus vielen Staaten Europas terrorisiert und auf das Roheste ausgebeutet wurden, sind Indizien für diesen "moralischen Dualismus" auch in den Führungsetagen der österreichischen Unternehmen dieser Zeit.

In der heutigen Wirtschaft Österreichs sind bis auf einige Familienunternehmen keine personellen Kontinuitäten mehr zu den Entscheidungsträgern der Zeit des Nationalsozialismus und der direkten Nachkriegszeit vorhanden: Ein Umstand, der einer (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit der Rolle der österreichischen Wirtschaft in der Zeit von 1938-1945 eigentlich förderlich sein müsste - sollte man meinen.

Karl Jaspers unterschied in seinen Arbeiten zum Umgang der Deutschen mit den NS-Verbrechen vier grundlegende Schuldkategorien: die "kriminelle Schuld" (objektiv nachweisbare Verbrechen), die "politische Schuld" (Haftung für staatliches Handeln), die "moralische Schuld" (Verantwortung des Einzelnen für alles, was er tut) und die "metaphysische Schuld" (gegenüber der Menschheit), deren Instanz Gott ist.

Die Instanz der kriminellen Schuld ist die Justiz, die politische Schuld wurde von den Alliierten eingefordert. Die moralische Schuld hat als Instanz den Mitmenschen und als Vehikel, diesen zu erreichen, die Öffentlichkeit.

Notwendiger Schritt

Vor diesem Hintergrund wird das entscheidende Defizit der bisherigen Aufarbeitung der Geschichte der Zwangsarbeit deutlich: Trotz der zunehmenden Rückgewinnung des historischen Wissens um die Beteiligung der Wirtschaft an den Verbrechen des NS-Regimes ist seitens der Unternehmen ein Einbekenntnis ihrer Mittäterschaft bisher unterblieben. Ohne ein Ende des Schweigens und Verleugnens aber bleiben materielle Leistungen an die Opfer Makulatur.

Zahlungen an die Opfer "sind eine moralische Geste und ein menschliches Anliegen", formuliert die Wirtschaftskammer in ihrem "Argumentarium zur Zwangsarbeiterfrage" (und lehnt gleichzeitig jede rechtliche Verpflichtung ab). Hier bleibt just das Entscheidende einmal mehr ungesagt:

Das öffentliche Eingeständnis einer moralischen Schuld, die durchaus nichts mit juristischen Fragen zu tun hat, wäre nicht nur der nächste folgerichtige Schritt im Bemühen, die Auseinandersetzung um die Verwicklung der Unternehmen in die NS-Verbrechen abzuschließen.

Ein solches Eingeständnis wäre auch und gerade für die Opfer eine späte Befreiung von der 50 Jahre schweren Last des Vergessens und Verschweigens durch die Gesellschaften der Täter.

Stefan August Lütgenau, langjähriger Mitarbeiter des Kreisky-Archivs, hat im Auftrag diverser Firmen und der öffentlichen Hand Studien zum Thema Zwangsarbeit erstellt.