Jedes kleinste Detail seines Lebens wurde von Historikern unter die Lupe genommen - trotzdem bleibt Mozart ein Mysterium, ein Schatten. Vielschichtig wie die Bemalungen auf den Wänden des rundum sanierten Mozarthauses in Wien.

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"Das mit dem Geniekult geht ja heute auch nimmer so richtig", meinte Wien-Museum-Direktor Wolfgang Kos Donnerstag bei der Präsentation des nach Jahrzehnten des schändlichen Verfalls herausgeputzten Mozarthauses hinter dem Stephansdom. Kein Geniekult mehr? Aber Hallo. Zumindest wenn's um die Verallgegenwärtigung verwichener Genies geht, funktioniert das mit dem In-den-Himmel-Heben hervorragend. Ganz nach Qualtinger: "In Wien musst erst sterben, dass' dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang." Von 30.000 verkauften Mozartjahr-Karten hatte Intendant Peter Marboe geträumt. Donnerstag wurde die 35.000er-Marke erreicht. So viel als Indiz dafür, wie die Post zur Mozart-Reise abgeht.

"Mozart ist ein Wiener geworden", verkündete Bürgermeister Michael Häupl im zweiten Untergeschoß des Mozarthauses. Mozart schrieb in einem Brief zwar "mein Arsch ist kein Wiener" - aber Häupl hatte ja auch gleich ausgleichend betont, dass der Jubilar selbstverständlich gebürtiger Salzburger bleibe. Daran änderte auch ein fürsterzbischöflicher Arschtritt vom Grafen Arco nichts. So, wie auch den Pragern ihr dort stets bejubelter Mozart bleibt. Auch wenn FPÖ-Gemeinderat Johann Herzog kürzlich anprangerte: "Selbstverständlich war Mozart niemals in Tschechien. Vielmehr war er in Böhmen und hat in Prag - die damals als deutsche Stadt galt - seinem genuinen Schaffensdrang freien Lauf gelassen."

Repräsentativ ist das höchstens insofern, da es Wien als vielschichtige, nie gänzlich fassbare, manchmal auch unfassbare Stadt dokumentiert. Was recht gut zu Mozart passt. Schließlich müssen sie jetzt noch nach all dem Forschen und Rekonstruieren so vieles mit einem Fragezeichen belassen. Nicht nur in der Biografie Mozarts, sondern auch jetzt in der letzten erhaltenen Wiener Wohnung des Komponisten. Da steht jetzt buchstäblich "Speisezimmer?", "Gästezimmer?", "Salon? Spielzimmer?" Ja sogar: "Vorzimmer?"

Man weiß es schlicht nicht mehr. Das sei Teil der hier gestellten Frage "Wie gehe ich mit Authentizität um", so Kos. Denn dies sei "meist nur Fiktion, ein Spielen mit Möglichkeiten". Und so wird im neuen, historischen Mozarthaus in der Domgasse 5 mit allem möglichen gespielt. Mozart, der ernsthafte Freimaurer. Daneben wieder das Schweinderl - eine Hologramminstallation mit "Grabennymphen" und ein paar Geilheiten zum Gucklochspechteln. Mozart der geniale Klavierspieler, Mozart der Billardspieler - und quasi Mozart der Taschenbillardspieler.

Alles vergleichsweise dezent. Vieles wird nur angedeutet, üppig oder schrill wird's kaum - wie auch die Wände in schlichtes Weiß gehüllt wurden. Nur manchmal blitzt das dahinter liegende vor: Bis zu 30 Schichten an historischen Wandbemalungen, die solcherart erhalten und geschützt wurden. So sieht man denn auch nicht, dass hier acht Millionen Euro von der Wiener Holding und Raiffeisen investiert wurden - das kann erahnt werden, wenn man weiß, wie das Haus noch vor zwei Jahren aussah.

Ein allgemeines Aufatmen war das am Donnerstag: Dies sei eine "Raum gewordene gute Voraussetzung für das Gelingen des Mozartjahres", so Marboe - dann andernfalls, ohne der Instandsetzung der Ruine, des als "Schandfleck" bezeichneten "Figarohauses", wäre Wien "das Gespött der Welt gewesen".

Jetzt kann man sich der Mozart-Mediengeilheit der Welt stellen. Vielleicht werden im großen Rummel nicht alle alles nachvollziehen können. Schon beim jüngsten Silvesterpfad war das "Jahr des Sauschwanzes" ausgerufen worden - und wer wusste in der Masse schon, dass sich Mozart so in seinen Briefen nannte?

Während sie das prall gefüllte Mozarthaus am Donnerstag präsentierten, wurde indes am Stephansplatz für das Dreitagesspektakel aufgebaut. Blumen wurden angeliefert - die Aufschrift am Lkw: "Pflanzen Pertl". Typisch Mozart. Wieder so ein Mysterium. Mozarts Urgroßvater mütterlicherseits hieß Johannes Pertl - und war Gärtner. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2006)