Los Angeles - Es fehlte nur das Promi-Paar Angelina Jolie und Brad Pitt, um das diesjährige Sundance-Filmfest in ein perfektes Hollywood-Spektakel zu verwandeln. Die beiden blieben aber dem elftägigen Festivalrummel zur Feier des unabhängigen Films in dem sonst eher verschlafenen Bergstädtchen Park City (Utah) fern. Dabei hätte Pitt als Mitproduzent des Dokumentarfilms "God Grew Tired of Us" über junge Flüchtlinge aus dem Sudan einen guten Grund zur Anreise gehabt. Stattdessen feierte seine von Paparazzi umlagerte Ex-Frau Jennifer Aniston bei Minusgraden und Schneefall die Premiere ihrer Beziehungskomödie "Friends With Money".

Nick Nolte, Matt Dillon, Cameron Diaz und Gael García Bernal liefen dick verpackt über den Roten Teppich. Justin Timberlake vergnügte sich nebenbei beim Snowboarden. Der Musiker spielt in Nick Cassavetes' "Alpha Dog" mit, einem Film über junge Drogendealer, der zum Ausklang des Festivals am Sonntag auf dem Programm stand. Die Beastie Boys spielten auf. Sting, Neil Young und andere Musikgrößen mischten sich unter die tausenden Filmfans, Produzenten und Studiobosse, die den sonst nur 7.000 Seelen zählenden Ort auf fast das Dreifache anwachsen ließen.

Redford ficht der Rummel nicht an

Festivalgründer Robert Redford blieb gelassen angesichts der Invasion von Promis, polierten Luxus-Fahrzeugen und geschäftstüchtigen Werbestrategen, die teure Geschenke verteilten. "Die Stars, die Partys, das ganze Drumherum ist nicht das, worauf es bei dem Festival ankommt", sagte Redford. "Uns geht es um den unabhängigen Film, um Vielfalt und Entdeckungen", verteidigte der Hollywoodstar das seit den 80er Jahren laufende Festival gegen Vorwürfe der Kommerzialisierung.

48 der 120 Spiel- und Dokumentarfilme im Programm stammen von Erstlingsregisseuren, darunter ein großer Anteil Frauen. Viele Filme setzen sich mit kritischen Themen wie Rassismus, dem Krieg im Irak und Homosexualität auseinander. Der Dokumentarstreifen "Thin" dreht sich um Magersucht, die Komödie "Puccini for Beginners" um eine bisexuelle Dreiecksbeziehung. Gwyneth Paltrow stellte sich mit dem Kurzfilm "Dealbreaker" über frustrierte New Yorker Single-Frauen als Regisseurin vor.

Applaus für Al Gore

Der frühere US-Vizepräsident Al Gore erntete als "Leading Man" in dem Dokumentarstreifen "An Inconvenient Truth" stürmischen Applaus. Der Film zeigt Gore als engagierten Umweltschützer, der vor den Gefahren der globalen Erwärmung warnt. Oscar-Gewinner Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer") präsentierte mit "Neil Young Heart of Gold" ein sehr persönliches Porträt über den Musiker.

Seit der Entdeckung des damals völlig unbekannte Steven Soderbergh beim Sundance-Festival mit seinem Low-Budget-Streifen "Sex, Lügen und Video", der 1989 zum Kassenknüller wurde, wird das Filmfest von Schatzsuchern aus Hollywood überrannt. Spitzenreiter des diesjährigen Filmfests ist die bissige Komödie "Little Miss Sunshine", die von dem Studio Fox Searchlight für umgerechnet rund 8,2 Millionen Euro aufgekauft wurde. Der Debütstreifen der Regisseure Jonathan Dayton und Valerie Faris über eine kaputte Familie ist mit Greg Kinnear und Steve Carell besetzt. Warner Independent sicherte sich für angeblich sechs Millionen Dollar (rund 5 Millionen Euro) die Rechte für Michel Gondrys "The Science of Sleep".

Doch ganz im Sinne von Redfords Festival-Wunsch nach einem "unabhängigen Geist", sind offenbar nicht alle aufs große Geld aus. "Keiner von uns wird hier einen Cent verdienen", meinte Laurie David, Produzentin der Umwelt-Dokumentation mit Al Gore. Ihnen gehe es nicht um die Kinokassen, sondern darum, dass das Überleben der Erde auf dem Spiel stehe. (APA/dpa)