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Foto: AP/Moussa
Der entscheidende Satz vom Wahltag stammt von ihm. "Wir sagen: Waffen und Parlament", erklärte Ismail Haniyeh, nachdem er seinen Stimmzettel in die Urne gesteckt hatte. Die Hamas, so ließ ihr Listenführer bei der Parlamentswahl verstehen, denke gar nicht daran, sich zwischen Abgeordnetenmandat und bewaffneter Gewalt gegen Israel zu entscheiden: Wer Hamas wählt, bekommt beides.

Wie ernst der 43-jährige Islamist seine Ankündigung nehmen wird, ist allerdings noch völlig offen. Haniyeh, der als möglicher nächster Premierminister einer von der Hamas geführten palästinensischen Regierung gehandelt wird, gilt immerhin als moderat und pragmatisch. Doch dies ist angesichts des terroristischen Hintergrunds der Hamas eine sehr relative Einschätzung.

Haniyeh ist ein Kind des Gazastreifens und seines beispiellosen Klimas von Gewalt, Depression und Eingesperrtsein. 1963 im Flüchtlingslager Shati geboren, studierte Haniyeh an der Islamischen Universität in Gaza-Stadt, schloss mit einem Diplom in arabischer Literatur ab und wurde ein enger Mitarbeiter des Scheich Yassin, des geistigen Führers der Hamas. Der im Rollstuhl sitzende Yassin wurde im März 2004 von der israelischen Armee getötet, sein Bürochef Haniyeh überlebte einen Anschlag.

1992 war Haniyeh auch unter jener Gruppe von 415 militanten Palästinensern, die von der israelischen Regierung in den Libanon deportiert wurden - ein unüberlegter Schritt: Unter dem Druck der USA wurden die Palästinenser Monate später wieder zurückgebracht, hatten dafür aber Kontakte mit der Hisbollah geknüpft, eine wie die Hamas vom Iran mitfinanzierte Miliz, die gegen Israel kämpft.

Vor allem seit dem Tod Yassir Arafats und dem Wechsel zum um vieles schwächeren Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas hat sich Haniyeh als Verbindungsmann der Hamas zur von der Fatah geführten Autonomiebehörde unentbehrlich gemacht. Dahinter steckt auch ein längerfristiges Kalkül des für den Maßstab der Hamas telegenen und routiniert auftretenden Gaza-Politikers.

Haniyeh scheint nicht daran gelegen, die Fatah von der Macht zu verdrängen und durch die Hamas zu ersetzen. Ihm ging es immer um eine Integration der Hamas in die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO. Nun strebt er einen Umbau der politischen Landschaft in den Palästinensergebieten an mit einer neuen, auch die Fatah umfassenden Partnerschaft.

Den Wahlsieg der Hamas hatte Haniyeh in dieser Höhe nicht erwartet. Seither formuliert er vorsichtiger als noch am Wahltag und spricht von "unseren Prinzipien", welche die Hamas aufrechterhalten wolle. Israel wie dem Westen wird das nicht genug sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2006)