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derStandard.at: Der radikale politische Islam ist auf dem Vormarsch. Die Hamas erreicht eine absolute Mehrheit in den Palästinensergebieten, die Muslimbrüder sind erfolgreich in Ägypten, die Hizbollah ist stark im Libanon ...

Kepel: ... Sie haben noch die Wahlerfolge der Schiiten im Irak und den Aufstieg von Ahmadinejad im Iran vergessen. Tatsächlich war der radikale Islam in den 90er-Jahren auf dem Rückzug, vor allem in Algerien. Die Anschläge von El Kaida waren eine Reaktion darauf, ein Versuch, die Massen zu mobilisieren. Die Politik von Bush/Sharon und das strategische Konzept der amerikanischen Neokonservativen war es, die existierenden Strukturen in Nahost zu zerstören, Saddam zu stürzen und Arafat zu zerstören, um neue demokratische Kräfte an die Macht zu bringen.

Statt dessen sind im Irak die Schiiten und in Palestina die Hamas an die Macht gekommen. Die palästinensische Gesellschaft wurde durch die israelische Politik – die Aufteilung in kleine Gebiete, die Grenzkontrollen, der Sperrzaun – fragmentiert. Die Hamas hat daraus Vorteile gezogen. Sie hat den Palästinensern eine Stimme gegeben. Sie haben soziale Wohlfahrtseinrichtungen geschaffen, die die Fatah vernachlässigte, und sie haben den "militärischen Kampf" mit den Selbstmordanschlägen geführt.

derStandard.at: Kann eine solche Bewegung nun wirklich regieren?

Kepel: Die Hamas ist keine politische Partei. Sie ist eine religiöse Bewegung, eine Terrorgruppe und hat einen sozialen Aspekt. Aber sie ist keine Partei, die das Regieren gewohnt ist, und das hat sich gezeigt, als sie gleich versuchten, mit der Fatah eine Koalition zu machen.

Die Frage ist jetzt, inwieweit sie die Fähigkeit haben, ihren Wahlsieg in politische Tätigkeit umzusetzen. Sind sie in der Lage mit der Außenwelt überhaupt zu reden? Die Palästinenser leben von den Subventionen der EU (rund 340 Mio Euro im Jahr, Anm.). Können sie darüber mit Brüssel reden? Können sie sich in eine verantwortungsvolle Partei verwandeln? So wie die Kommunisten in Italien und Frankreich, von denen man nach dem Krieg auch fürchtete, sie würden den Staat übernehmen und die sich total angepasst haben?

derStandard.at: Soll die EU ihre Subvention der Palästinenser unter einer Hamas-Regierung fortsetzen?

Kepel: Die EU kann keine Regierung unterstützen, deren Ziel die Zerstörung Israels ist und die Selbstmordattentate als Mittel der Politik einsetzt. Die Frage ist, ob man Druck auf die Hamas ausüben kann, sich zu mäßigen. Im Nahen Osten waren die USA immer der Koch und die Europäer haben die Teller gewaschen. Ich weiß nicht, ob wir noch weiter die Teller waschen können.

derStandard.at: Welche Auswirkungen hat der Sieg der radikalen Muslime in Palästina und anderswo auf die Muslime in Europa?

Kepel: Ich habe immer gesagt, dass wir unsere europäischen Muslime nicht über ihre Religion definieren dürfen. Das tun wir mit den Angehörigen der anderen Religionen ja auch nicht. Wir müssen sie als Bürger betrachten - die allerdings ökonomisch nicht die gleichen Möglichkeiten haben. Wenn wir nicht mehr ökonomische Gleichheit schaffen, wenn wir den jungen Muslimen nicht mehr soziale Mobilität nach oben verschaffen, dann werden wir unendliche Schwierigkeiten haben.

Die jungen Muslime aus Nordafrika haben sich immer sehr stark mit den Palästinensern identifiziert. Sie haben ihre Unterdrückung mit der der Palästinenser gleichgesetzt. Nun ist aber etwas sehr Problematisches passiert: der Sieg der Hamas hat gezeigt, dass man mit Gewalt, mit Terroranschlägen, mit dem "bewaffneten Kampf" politischen Erfolg haben kann. Das ist ein sehr gefährliches Vorbild. Daher müssen wir enorme Anstrengungen unternehmen, um den jungen Muslimen bei uns bessere Chancen zu geben.