Linz/Wien - Vor kurzem wurde ein Rechnungshofbericht bekannt, in dem die Prüfer das System der Chefärzte bei den sozialen Krankenkassen in Österreich heftig kritisierten. In einem Bereich - jenem der Arzneimittelbewilligung - hat die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse (OÖGKK) mit Anfang Dezember vergangenen Jahres die Chefärzte einfach ihrer Aufgaben enthoben. Zumindest in Oberösterreich dürften die Beteiligten, vor allem Ärzte und Krankenkasse, damit zufrieden sein, hieß es jetzt gegenüber der APA. Die Pharmaindustrie kritisiert das nunmehrige System allerdings an anderer Stelle.

Gespannt wartete die Branche jedenfalls, ob sich durch Wegfall der Chefarztpflicht für Arzneimittel und somit auch der für manche Medikamente notwendigen Bewilligungen etwas ändern würde. "Wir haben in Oberösterreich im letzten Quartal 2005 eine etwa dreiprozentige Steigerung des Umsatzes mit Arzneimitteln gesehen. Das ist im Rahmen", erklärte österreichischer Pharmagroßhändler gegenüber der APA. Ein anderer: "Geändert hat sich gar nichts." Der Markt in Oberösterreich sei bei den Arzneimitteln sowieso weit unter dem Durchschnitt in Österreich. Möglicherweise haben aber auch mehr Bestellungen von ärztlichen Hausapotheken wegen der Ende 2005 bevorstehenden Abschaffung von Naturalrabatten die Umsätze in dem Bundesland etwas erhöht.

Oskar Schweninger, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte in der oberösterreichischen Ärztekammer, ist mit der Regelung, dass in dem Bundesland jeder niedergelassene Arzt jetzt auch "sein" Chefarzt ist, offenbar zufrieden: "Wir hatten im Jahr 2004 mehr als 670.000 Chefarztgenehmigungen. (...) Es ist der Versuch, diese Wahnsinnsbürokratie einzudämmen. Wir haben vor, uns mit den Steigerungen im österreichischen Schnitt zu bewegen. Wir haben aber schon seit Jahren ein (im Vergleich zum restlichen Österreich, Anm.) um 18 bis 20 Prozent niedrigeres Verschreibungsvolumen." 2004 hatten die Arzneimittelkosten für die OÖGKK rund 217 Mio. Euro betragen.

Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Verbandes der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) nannte gegenüber der APA ähnliche Zahlen wie die Großhändler: "In den ersten elf Monaten (also bis Start der Neuregelung in OÖ), gab es dort eine Steigerung um 2,9 Prozent, in Österreich im Durchschnitt eine von 1,4 Prozent." In Salzburg wurde eine Verringerung um 1,4 Prozent registriert, in Tirol und NÖ wäre der Krankenkassenumsatz um ein Prozent gestiegen, in Wien um 2,2 Prozent, in der Steiermark um 0,9 Prozent und in Kärnten um 0,2 Prozent.

ÖGKK-Obmann Alois Stöger ist offenbar mit der bisherigen Praxis ebenfalls zufrieden. Die Ärzte hätten ihre Verschreibungsgewohnheiten offenbar nicht wesentlich geändert: "Derzeit bewegen wir uns innerhalb der Toleranzgrenzen. Die Verschreibungspraxis ist gleich geblieben. Wir glauben, dass beide Partner (OÖGKK und Ärzte, Anm.) gut liegen. Wir wollen die Chefärzte vermehrt in der Beratung, in Service-Fragen etc. einsetzen." Für Bestimmung der Berufs(un)fähigkeit, individuellen Service und auch für den Spitalsbereich benötige man sie weiter.

Pharmig: "Der Patient bleibt übrig"

Ursprünglich begrüßte die Pharmig die Abschaffung der Chefarztpflicht für Medikamente in Oberösterreich. Doch Jan Oliver Huber äußerte nun heftige Kritik an den dahinter liegenden Abmachungen. So gibt es in Oberösterreich eine Zielvereinbarung zwischen OÖGKK und Ärzten, die letzteren auch mehr Honorar bei sparsameren Verschreibungen verspricht, ein "Handbuch" mit den in dem Bundesland geltenden Regelungen für Verschreibungen und eine "Service-Stelle" der Gebietskrankenkasse.

Huber: "Die Ankündigung des Wegfalls der Chefarztpflicht ist ein Hohn (...). Es gibt in der Zielvereinbarung eine Individualhaftung, dass dem Arzt bei Fehlverhalten sofort die entstandenen Kosten vom Honorar abgezogen werden." In dem Handbuch sei zu lesen, dass nun eben statt dem Chefarzt, die Servicestelle der Kasse fraglichen Verschreibungen zustimmen müsse. Huber: "Die Zielvereinbarung widerspricht der Therapie und Behandlungsfreiheit des Arztes und schränkt diese massiv ein." Inkongruenz mit der EU-Transparenzrichtlinie und fehlende Berufungsmöglichkeiten der Patienten wären weitere Mängel. Der Pharmig-Generalsekretär: "Der Patient bleibt übrig." (APA)