"Werden Sie selber eine Romanfigur!" Gut, etwas origineller hätte sich der Aufruf vielleicht formulieren lassen. Doch es passiert immerhin in einem großen Online-Auktionshaus, dass hier ein Verkäufer seiner potenziellen Kundschaft ein ungewöhnliches Angebot unterbreitet. Für Subtilitäten ist da kein Platz.

Außenseiter

Den seine Dienste feilbietenden Autor drückt ordentlich der Schuh. Er steckt in finanziellen Nöten und findet keinen Verleger für seinen nächsten Roman. So ist er auf die Idee verfallen, im Internet eine Auktion zu starten, bei der man eine Hauptrolle in einem bereits recht weit gediehenen Buchprojekt ersteigern kann.

"Die Rolle kann Ihren Wünschen entsprechen und Ihren Namen tragen", heißt es erklärend. Das kann man jetzt einfallsreich, amüsant oder auch traurig finden. Es wäre allemal eine Fußnote wert, würde es sich bei dem Schriftsteller in Not um irgendeinen Schreiber handeln. Tatsächlich aber ist der Verkäufer einer der großen Außenseiter des deutschen Literaturbetriebs und hört auf den Namen Alban Nikolai Herbst.

Fantasy-Anleihen

Herbst veröffentlichte in den vergangenen 25 Jahren mit Vorliebe ausufernde, ästhetisch eigensinnige Romane, die sich gängigen Kategorisierungen beharrlich widersetzen und bei Buchhändlern als schwer verkäuflich gelten, bei der Kritik wegen ihren Fantasy-Anleihen als eher suspekt.

Die Internet-Auktion betrifft immerhin ein Hauptwerk, nämlich den dritten und letzten Band von Herbsts Romantrilogie Anderswelt. Im deutschen Feuilleton wurde dem Aufruf mit teils kaum unterdrückter Häme gegenüber der Situation des Autors begegnet. Hier hängt dem 50-Jährigen nach, dass er in den späten Achtzigern als Broker an der Frankfurter Börse tätig war. Dass sein Name ursprünglich Alexander von Ribbentrop lautete und er ein Großneffe des deutschen Außenministers unter Hitler ist, machte ihn für viele überhaupt zum roten Tuch.

Rissstelle

Seine Namensänderung erklärte Herbst später mit einem Satz, den ihm ein Bekannter am Beginn seiner literarischen Karriere sagte: "Unter deinem Namen wirst du in Deutschland niemals ein Buch publizieren können." Die aus Not entstandene Verkaufsidee sieht er inzwischen als spannende Aufgabe: "Der handwerkliche Reiz besteht darin, eine Figur noch hineinzuerzählen und sie so mit dem Gesamten zu verbinden, dass keinerlei Rissstelle sichtbar ist." Damit es so weit kommt, müssen die Gebote aber erst über 1000 Euro schnellen, ansonsten erhält der Höchstbieter lediglich eine "liebevoll gestaltete Nebenfigur". Die Auktion endet Sonntagabend, bei Redaktionsschluss stand sie bei 606 Euro. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2006)