Minsk - In Belarus (Weißrussland) hat sich der Nervenkrieg vor den Präsidentschaftswahlen am Sonntag weiter verschärft. "Wer als Vertreter der Opposition am 19. März seine ,demokratische Empörung' auf dem Platz äußern will, wird von der Polizei mit dem Gesicht auf den Asphalt gezwungen", kündigte der Leiter der Einsatzpolizei, Juri Podobed, in einem am Freitag in Minsk veröffentlichten Interview an.

Neun georgische Abgeordnete, die als Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einreisen wollten, wurden am Freitag auf dem Flughafen von Minsk festgesetzt. Sei sollten noch am selben Tag abgeschoben werden. Auch ein deutscher Wahlbeobachter wurde an der Einreise gehindert.

In den vergangenen Tagen wurden Dutzende Oppositionelle verhaftet, unter ihnen führende Persönlichkeiten wie Anatoli Lebedko, der den aussichtsreichsten Oppositionskandidaten, Alexander Milinkewitsch, unterstützt.

Obwohl ein Sieg von Amtsinhaber Alexander Lukaschenko auch ohne Wahlfälschung als sicher gilt, wird diese allgemein erwartet. Die Differenz zwischen dem Ergebnis von Nachwahlbefragungen und dem offiziellen Ergebnis wird wie schon in der Ukraine Ende 2004 das heikle Moment am Wahlabend werden.

Die Opposition, die am Freitag noch massive verbale Unterstützung durch prominente mitteleuropäische Politiker wie Václav Havel oder Lech Walesa erhielt, hat ihre Anhänger jedenfalls für Sonntag, 20.00 Uhr, zur Teilnahme an einem "Wahlfest" auf dem Unabhängigkeitsplatz in Minsk aufgerufen.

Für den Fall eines Wahlbetruges hat Milinkewitsch Demonstrationen angekündigt. Aber ein Betrug wird kaum nachzuweisen sein, denn ausländische Beobachter werden, sofern sie es ins Land geschafft haben, keinen Zugang zu den Wahlkommissionen auf Kreis- und Bezirksebene erhalten. (sed, dpa, AP/DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2006)