Das Grunzen der Kamele übertönt die Motoren der Toyota Landcruiser, als Aghali und sein Bruder Mohamed den Proviant auf die wolligen Rücken der fünf weißen Tiere gurten.

Den zähnefletschenden Tieren, die die klügsten Vierbeiner in diesem trockenen Teil Westafrikas sind, schwant Übles. Böse Tuareg-Zungen, die unter hiesigen Cousins jeden Seemann zum Erröten brächten, erkennen im Wüstenschiff überhaupt den Inbegriff der Intelligenz, gepaart mit übermenschlichem Taktgefühl: Niemals würde ein Leittier seinen Führer auslachen, wenn er sich im Weg irrt! Und Aghali musste sich irren, denn wer geht schon freiwillig durch die Tamgak-Schlucht, ein 40 Kilometer langes Tal quer durch eine gigantische, uralte Magma-Blase inmitten des Air-Ténéré-Naturparks, gesäumt von steilen Felswänden, verbarrikadiert von Zyklopenmurmeln, gespickt von wogenden Dumpalmen . . . Aghali irrt nicht. Er irrte noch nie.

Aber was ahnt selbst ein weises weißes Kamel von den Sehnsüchten einer Handvoll seltsamer Alpenjünger? Was von dem zeitlosen Flug über die nigerische Sahara, dem atemberaubenden Blick auf die Air-Berge, eine wilde Architektur vulkanischer Auswüchse, umwogt von den Dünen der Ténéré? Hatte dieses erfahrene Tier jemals den langen Pilgerweg von der Sultansstadt Agadez über die Mandarinen-Oase Timia, vorbei an den Tuareg-Nomadinnen, bis zum Brunnen von Tchioulmas erfahren?

Das Tier grübelte, von Mohamed über karge Umwege zum ersten Nachtlager geführt, während unser Führer vielsagend stumm - er spricht nur Tamasheq und etwas Französisch - die Felsen hochschwebt, Panoramen vor unsere Augen ausbreitend: Tausend Kilometer nach Westen nichts als grausam schöne Dünen, dazwischen verstreute Salzkarawanen, Abenteurer und Saurier-Skelette; ein paar Schritte weiter nach Osten hingegen ein funkelnder Basaltpool, von grünem Schilf umrahmt, von Libellen umsurrt. "Aman - Iman" - Wasser ist Leben, sagen die Tuareg, ein "Leben" von erster Qualität, zum Baden, Kochen oder Trinken selbst für empfindliche Städter geeignet. Aghali findet diese Lebensquellen überall im Tamgak, die in schattigen Felslöchern versteckt sind. Die Schatten dehnen sich, als die 1.500 Meter des unbenannten Passes hinter uns liegen. Namen geben die Nomaden nur Weiden, Brunnen und Orten, und auch der französische Biologe Burthe d'Annelet, der vor 70 Jahren als erster Europäer diese Wildnis durchquerte, geizte mit Bezeichnungen.

Strauße hatte er damals noch viele gesehen, die wurden erst in den Jahren der Tuareg Rebellion, 1991-97, von den Wüstenkriegern verspeist. Der letzte Löwe im Air hatte schon fünf Jahre vor d'Annelets Ankunft sein Leben ausgehaucht; nur vereinzelte Geparden sollen noch durch die Täler streifen.

Lauthals brüllen dagegen die Paviane zwischen den Felsen. Am Abendlager blubbern bereits der Reis und die dicke Gemüsesauce. Mohamed ist ein Magier, der binnen Minuten in der unwirtlichsten Wildnis über flackerndem Zedernholz ein Festmahl zaubert. Wir haben's auch nötig, denn morgen bitten wir unser Kamel, einen Berg zu besteigen. Es wird vielleicht denken: wozu? Den Tamgak von "oben" sehen - für ein Kamel wenig reizvoll.

Auch wir sechs schwitzenden Alpinisten in Bergschuhen zweifeln, als wir dem verschleiert Lächelnden in Badeschlapfen hinterdrein keuchen, über Ziegenpfade zwischen Felskolossen die Wände hoch. Aber dann erstarren unweigerlich vor Scham ob unserer Skepsis: Über den Felszinnen weitet sich ein Hochplateau mit smaragdenen Pools verziert, das den Blick über das Tal freigibt: eine endlose grüne Schlange von Palmen und Sträuchern, die vom Orient in den Okzident kriecht.

Aghali packt seine mitgeschleppten Schätze aus: Feuerholz, Kännchen, Tee und Zucker. Auch am Ende der Welt will die Kultur zu ihrem Recht gelangen, und das sind stets drei Gläser Tee: das erste bitter, das zweite süß, das dritte mild. Der schönste Lohn für diese Kletterei unter Tropensonne aber wartet unten, in der Klamm gleich neben dem Camp: ein kühles Bad.

Höflich blicken die Tuareg ins Feuer, nur das Kamel stiert fassungslos die nackten, weißen Gestalten an. Am Morgen des sechsten Tags warten die Wägen bereits am Ende des Tals, um uns in die Oase Iferouane, dem Verwaltungszentrum des Naturparks, zu führen.

Dort steht auch das neue Hotel des Italieners Vittorio, wo es weiche Betten und kaltes Bier gibt, und nebenan steht der alte Strauß der nigerischen Ténéré, der stumm vom wilden Tamgak und süßem Wasser träumt. Er könnte die sechs bunten Alpenvögel gut verstehen, aber was hilft das schon einem ratlosen weißen Kamel, das nur Tamasheq versteht! Harald A. Friedl

Reiseinformation Air Afrique und Air France fliegen wöchentlich Paris - Niamey, die Air Algerie alle zwei Wochen über Algier direkt nach Agadez. Reisekosten vor Ort ca. öS 1.200 (EURO 87)/Tag bei voller Verpflegung und Unterbringung. Information: Tchimizar Voyage, c/o
haf@21stchannels.com Tel. 0316 / 32 97 81