"Wir sagen nichts." Die Stimmung in der SPÖ schwankt zwischen Panik und Ratlosigkeit. Derzeit versuchen die roten Kommunikationsstrategen der Öffentlichkeit weiszumachen, die Bawag habe nichts mit dem ÖGB, und der ÖGB nichts mit der SPÖ zu tun. Was absurd ist. Der Versuch der SPÖ, durch den Bawag-Skandal einfach durchzutauchen, ist zum Scheitern verurteilt. Dafür wird die ÖVP sorgen, wenn sie die politische Verantwortung einmahnt, und dafür wird möglicherweise auch die Justiz sorgen, wenn sie die Affäre auf strafrechtliche Relevanz abklopft.

Fritz Verzetnitsch ist nicht irgendwer. Er ist ÖGB-Chef, seit 19 Jahren, er ist Eigentümervertreter bei der Bawag, die dem ÖGB gehört, er ist einer der prominentesten Abgeordneten der SPÖ, er ist im Präsidium der SPÖ, und am 1. Mai steht er Jahr für Jahr Hand in Hand mit dem SPÖ-Chef, seit 2000 Alfred Gusenbauer, auf der Tribüne vor dem Wiener Rathaus, um mit roten Nelken und Taschentüchern den vorbeiziehenden Massen zuzuwinken. Und er hat als ÖGB-Präsident das Vermögen der Gewerkschaft und damit ihren Handlungsspielraum aufs Spiel gesetzt, um die hauseigene Bank nach Milliarden-Verlusten durch dubiose Karibik-Geschäfte vor dem Krachen zu bewahren.

Verständlich, dass die SPÖ jetzt auf Distanz geht, wo man nicht weiß, ob sich Verzetnitsch als ÖGB-Präsident halten wird können, und wo man nicht weiß, ob er nicht beim Untersuchungsrichter vorstellig werden wird müssen, um im Bawag-Skandal auszusagen, möglicherweise mitten im Wahlkampf.

Die Misswirtschaft in der Bawag, der leichtfertige Umgang mit Gewerkschaftsgeldern, Milliarden-Verluste und windige Bankmanager - das alles fügt der SPÖ schweren Schaden zu. Rote Pessimisten fürchten bereits, die Wahlen bereits verloren zu haben, noch ehe der Wahlkampf richtig angelaufen ist. Diese Angst ist gut begründet.

Seit Wochen trommelt die ÖVP ihre Botschaft, die SPÖ könne nicht wirtschaften und sei die "Schuldenpartei Österreichs". Als Belege werden Konsum und Verstaatlichte angeführt, jüngste Beispiele sind Amag und ARBÖ - und jetzt eben die Bawag. Als ob es die ÖVP geahnt hätte. Wahrscheinlich hat sie es sogar gewusst und nur noch gewartet, bis die Bombe hochging.

Damit war die ÖVP jedenfalls besser vorbereitet als es SPÖ und ÖGB sind, die im Strudel der jüngsten Enthüllungen noch um Orientierung ringen und derweil die Messer wetzen. Irgendwer wird über die Klinge springen müssen. Konsequenzen, auch politische, wird es geben müssen. Diesen Druck baut nicht nur die ÖVP auf, der kommt auch von den eigenen Leuten, aus Partei und Gewerkschaft, von den Mitgliedern und Bankkunden, mit deren Geldern spekuliert wurde, mit deren Vertrauen ein Milliarden-Verlust gebaut wurde.

Im Auge des Taifuns steht erst einmal der Gewerkschaftspräsident, der sich in den vergangenen fünf Jahren zwar politisch profilieren konnte und an Kontur gewann, dem im gleichen Zeitraum die Hausmacht aber zur Gänze abhanden kam. Längst haben die mächtigen Bosse der Teilgewerkschaften das Sagen, und nicht alle halten die Freundschaft hoch. Nicht, dass Verzetnitsch ihnen in ihrer Entscheidungsgewalt in die Quere kommen könnte, aber manch einer hat selbst Ambitionen. Verzetnitsch selbst denkt nicht an Rücktritt, bekräftigte er am Sonntag, aber das wird er nicht alleine entscheiden.

Bleibt SP-Chef Gusenbauer. Bleibt er? Selbstverständlich. Aber an ihm wird die Bawag-Affäre kleben bleiben. Die Wirtschaftskompetenz der SPÖ, sofern sie überhaupt vorhanden war, ist endgültig dahin. Das ist ein schweres Manko im anstehenden Wahlkampf. Jetzt ist offensives Krisenmanagement gefragt, nicht Durchtauchen und Blödstellen. So zu tun, als ob der ÖGB und Verzetnitsch mit der SPÖ nichts zu tun hätten, spielt dem politischen Gegner in die Hände. Wenn den Strategen in der Löwelstraße nicht mehr einfällt, sind die Wahlen tatsächlich schon verloren. (Michael Völker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.3.2006)