Julia Timoschenko, gebrochen durch Sisi/Romy: Steht laut "Skug" für die elektronische Dekonstruktion des Walzers und Musik in Osteuropa.

Foto: skug
Kennen Sie das Popkultur-Magazin "skug"? Nein? Dann gehören Sie einer überwiegenden, vermutlich schweigenden Mehrheit der österreichischen Bevölkerung an. Klar: Die überwiegende Mehrheit interessiert sich nicht für die Dinge, die in "skug" stehen. Würde wahrscheinlich auch den neuesten thematischen Schlenker hin zu dekonstruierten Walzern nicht mitmachen wollen. Das ist Zeug, wie es nur in "skug" steht – und das seit nunmehr 16 Jahren oder 66 Heften, die annähernd vierteljährlich erscheinen: wenn schon selbst ausbeuten, dann aber richtig. "skug" dürfte in dieser Hinsicht reif für das Guinness Book of Records sein, denn so lange hat wohl noch niemand durchgehalten. Andere werden kommerziell und/oder korrupt oder (was wahrscheinlicher ist) werfen das Handtuch. Nicht so Chefredakteur Didi Neidhart und Herausgeber Alfred Pranzl, jene zwei Urgesteine, die von der Startmannschaft noch dabei sind.

"skug" wurde 1990 aus massiver Unzufriedenheit mit dem publizistischen Platzhirschen Chelsea Chronicle ("zu gitarrenlastig, zu rockistisch, zu viel Fußball") im Wiener Szenelokal Terrassinger gegründet, auf Initiative des Tirolers Rupert Heim. Mag sein, dass "skug" mal für "Subkultureller Untergrund" stand, aber das hat man bald wieder fallen gelassen, ebenso Unterzeilen wie "clever in wrong music" oder "subversive wisdom", die ein wenig mit dem Zeigefinger erklären sollten, was ohnehin jeder/r aus dem Heft herauslesen konnte und bis heute kann: In "skug" werden prinzipiell die falsche Musik, die falschen Filme, die falsche Kunst, die falschen Bücher besprochen, das heißt, oft jene, die nicht konsensfähig oder chartstauglich sind, die aber mit Vehemenz.

"Nie richtig erwachsen"

Unter den vielen Lorbeeren, die sich die "skug"-Macher vor und nach der großen Spaltung 1996 an die Rock-Krägen heften dürfen, ist die Öffnung hin zum Osten, bevor irgendjemand im Westen überhaupt wusste, dass dort nicht nur Wälder vergiftet und Atomkraftwerke undicht gebaut werden, sondern dass sich dort eine lebendige, vielfältige Musikszene tummelt. Schon 1990 konnte man in "skug" über den Prager Underground lesen, und das Interesse hat sich seither noch verstärkt. "skug" darf sich rühmen, die epochale Ö1-Serie Nebenan – Erkundungen in Österreichs Nachbarschaft von Susanna Niedermayr und Christian Scheib abgedruckt zu haben, "skug" hat Dutzende Bands wenn schon nicht gemacht, dann zumindest für Österreich entdeckt, "skug" hat Dutzende von Schreibern ausgebildet, und das Wichtigste: "skug" ist immer standhaft geblieben, auch in den unzähligen Situationen, in denen die finanzielle Lage schon mehr als brenzlig war. "skug" ist keinen Schritt abgewichen vom Pfad der Tugend, der da heißt: Unabhängigkeit, Ehrlichkeit, Kompromisslosigkeit.

Warum eigentlich? Laut Didi Neidhart ist "skug" ein "steter Versuch, zu zeigen (gerade in Österreich), dass sich Diskurs & Disco nicht ausschließen müssen", darin bestehe seine Einzigartigkeit. Darum hat man etliche Moden und Stile vorüberziehen lassen, sagt Alfred Pranzl, weil nicht alles interessant ist, was so passiert, und weil man nicht zu allem etwas sagen muss. Mit solch mangelnder "Anpassungsfähigkeit" ist natürlich kein Staat zu machen, aber eine Zeitschrift, hinter der man voll stehen kann. "Wir machen nur das, wovon wir wirklich überzeugt sind", meint Pranzl, zum Beispiel ein Layout, das zwar über die Jahre mehrmals gewechselt hat, aber bis heute sehr, äh, textlastig ist ("wir sind ein Content-Magazin"), und dann auch noch, im Rezensionsteil, Weiß auf Blau. Da heißt es arbeiten für den Leser und die Leserin. Als Lohn jedoch ist der so genannte Erkenntnisgewinn nach jeder "skug"-Lektüre enorm hoch.

Sind die "skug"-Macher eigentlich Berufsjugendliche? "Ich würde eher sagen", meint Didi Neidhart, "wir sind nie richtig erwachsen geworden." (DER STANDARD, Printausgabe, 29.3.2006)