Zu den "juristischen Feinheiten", die laut Siemens-Chefin Brigitte Ederer den Hydro-Verkauf an Andritz verhindern, gehören grobe Probleme mit Kraftwerksprojekten. Sie könnten im Extremfall bis zu 150 Millionen Euro kosten.

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Wien - Die "juristischen Feinheiten", die den Verkauf der VA Tech-Wasserkraftwerkssparte Hydro durch Siemens an den Grazer Maschinenbauer Andritz verzögern, dürften doch nicht so klein sein, wie es Siemens-Chefin Brigitte Ederer jüngst darstellte.

Im Gegenteil, sie haben es offenbar in sich. Wie DER STANDARD aus gut informierten Hydro-Kreisen erfuhr, stecken hinter diesen Feinheiten auch handfeste Probleme bei großen Wasserkraftwerksprojekten, die teilweise sogar vor Gericht ausgetragen werden.

So etwa beim Walliser Kraftwerk Cleuson-Dixence in den schweizerischen Alpen, das VA Tech Hydro im Konsortium mit Alstom Power vor bald zehn Jahren im Auftrag der Energie Ouest Suisse (EOS) errichtet hat.

Teure Panne

Dabei kam es im Juli 2000 zu einer folgenschweren Panne, die nun dem Hydro-Käufer Andritz teuer zu stehen kommen könnte: Eine Druckleitung samt Druckschacht zerbarst, das austretende Wasser löste Erdrutsche aus, welche Bauernhöfe zerstörte und drei Personen das Leben kostete.

Wer Schuld an dem Debakel ist, versuchen die Gerichte zu klären. EOS fordert nach Angaben der VA Tech 50 Millionen Schweizer Franken (31,8 Mio. Euro), VA Tech bietet zehn Millionen. Insgesamt wurden 188,7 Mio. Franken eingeklagt - ein Betrag, der "sicher nicht" schlagend wird, wie man bei Hydro versichert. Wohl aber 120 Millionen Euro, mit denen vorsichtige Kaufleute vorsorgen möchten - zumindest aber den Preis drücken werden wollen.

Harte Preisverhandlungen werden denn auch als der wahrscheinlichere Grund für die Verzögerungen genannt. Nach EU-Vorgaben sollte der Verkauf am 13. März fixiert worden sein, jetzt peilt Ederer den Vertragsabschluss zu Ostern an. Aufgrund der frühen Veröffentlichung des Deals ist Andritz freilich in einer komfortablen Situation. "Andritz sitzt eindeutig am längeren Ast", meinen hingegen Anlagenbauer. Eine Pönale müsse beim Scheitern des Deals schließlich nur Siemens zahlen - dem Vernehmen nach 100.000 Euro pro überschrittenem Tag.

Gerichtsanhängig

Andritz dürfte die Verzögerung freilich nicht ungelegen kommen: Bei der heute in Graz stattfindenden Hauptversammlung kann bzw. darf über diesen Deal nicht gesprochen werden. Auch nicht über das Projekt Vattenfall, bei dem um 284 Millionen Schwedenkronen, also 30,3 Mio. Euro gestritten wird, das den auf 180 Mio. Euro geschätzten Hydro-Preis weiter drücken dürfte.

"Diese Projekte werden keine Probleme mehr machen", gibt man sich bei Siemens cool. Die Causen seien gerichtsanhängig beziehungsweise laufen außergerichtliche Verhandlungen und der Schaden sei begrenzt. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.3.2006)