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Käuflicher Sex: In Österreich und Slowenien nehmen Gewerbegesetze keinen Bezug auf Frau und Mann, suggerieren geschlechtslose gleichberechtigte Geschäftspartner.
Foto: Reuters/PAUL VREEKER
... Und ist dabei viel eher auf "Mainstream" denn auf "Gender" gestoßen.

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In Österreich und Slowenien Sex zu kaufen ist eine recht unbeschwerte Sache. Zumindest wenn es nach den jeweiligen das Gewerbe regelnden Gesetzen geht. Weil nämlich laut diesen die Prostitution eigentlich niemanden betrifft: Weder geht es in den beiden Gesetzestexten um Frauen noch um Männer. Stattdessen machen den betreffenden Deal laut den Gesetzen abstrakte Wesen, denen interessanterweise genau das fehlt, was man zum Sex braucht - nämlich ein Geschlecht.

In der Welt des Gender-Mainstreamings spricht man in solchen Fällen davon, dass etwas "de-gendered", also "ent-geschlechtlicht", worden ist. Womit gesagt sein soll, dass in diesen Gesetzen etwas ausgeblendet wird: und zwar das Faktum, dass es sich bei den Hauptakteuren des Geschehens um konkrete Frauen und konkrete Männer handelt - und mithin um Menschen, die ganz bestimmten Lebenswirklichkeiten angehören.

Denn die Universen, in denen Männer und Frauen leben, sind weiterhin höchst unterschiedlich strukturiert: Nach wie vor werden Frauen beispielsweise anders erzogen und in Rollenmuster gezwängt, in denen Selbstbewusstsein nicht unbedingt Priorität hat. Weshalb es mitunter wenig hilft, dass sie prinzipiell die gleichen Optionen wie Männer haben: Wer sich erst gar nicht traut, Letztere wahrzunehmen, hat doch keine Chance.

Gesetze verharmlosen

"De-gendered"-Gesetze sind deshalb irgendwie verlogen. Ja, schlimmer noch: Sie neigen dazu, die Wirklichkeit zu verharmlosen. Denn wo nur irgendwelche Wesen einen Sex-Deal eingehen, erscheint alles viel netter, als wenn ausgesprochen wird, worum es de facto geht: Um einen Dienst, den Frauen - und in der Regel nur Frauen - Männern anbieten. Womit automatisch auch Machtgefälle, unterschiedliche Kräfteverhältnisse und Ähnliches zur Diskussion stehen. Und aus genau diesem Grund wurde auch das Gender-Mainstreaming erfunden.

Die Wurzeln dieses Konzepts reichen bis in die 1970er-Jahre zurück, doch wirklich auf die politische Agenda wurde es erst in den vergangenen zehn Jahren gesetzt. Gezielt versucht man seither, den Menschen eine Gender-Perspektive näher zu bringen, die den verschiedenen Lebenswirklichkeiten von Frauen wie Männern Rechnung trägt. Auf dass unter anderem Gesetze entstehen, in denen Prostitution doch etwas anderes ist als ein ganz normales Geschäft zweier bisher neutraler und damit vermeintlich gleichwertiger Akteure.

Tatsächlich steht Gender-Mainstreaming aber in vielerlei Hinsicht noch immer an seinem Anfang. Und zwar sogar in so hohem Ausmaß, dass es sich für seine Entwicklung weiterhin lohnt, bestimmte Basics abzuklären. Eine solche Abklärung kann zum Beispiel darin bestehen, dass man einmal untersucht, wie bestimmte Gesetze heute, nach rund einem Jahrzehnt Gender-Mainstreaming, aussehen. Oder wie sich politische Strategien und Ansätze entwickelt haben. Am besten in solchen Feldern, die gleichsam "Kerngebiete" jeder Gleichstellungspolitik sind - wie etwa der Bereich Familienpolitik.

Sehr viel Lesestoff

Genau das hat das Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in den vergangenen drei Jahren mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und der Europäischen Union getan: Zusammen mit fünf Forschungspartnern aus Griechenland, Spanien, Ungarn, den Niederlanden und Slowenien hat man im Rahmen des Projekts MAGEEQ versucht, eine Art Ist-Analyse von Gender-Mainstreaming durchzuführen. Wozu es vor allem nötig war, viel zu lesen.

Und zwar wirklich viel: Wie nämlich die renommierte Politikwissenschafterin Birgit Sauer darstellt, wurde mit so genannten Frame-Analysen gearbeitet. Das heißt, es wurden die Denkschemata untersucht, die in politischen Themenfeldern wie "Familienpolitik", "häusliche Gewalt" und "Gleichstellung von Frauen innerhalb des politischen Systems" im Rahmen gleichstellungspolitischer Bestrebungen zum Einsatz kommen.

"Zu diesem Zweck", erläutert Birgit Sauer, die außer am IWM auch an der Universität Wien als Professorin tätig ist, "haben wir uns in Ländern unserer Partner und Partnerinnen unter anderem die offiziellen Dokumente der zentralen politischen Institutionen angeschaut". Zusätzlich analysierte das transnationale Forscherteam Texte, die aus Medien stammten oder von "zivilgesellschaftlichen politischen Akteuren" produziert worden waren.

Ähnlich ging man auf der EU-Ebene vor; immer mit dem Ziel, vor allem zwei Dinge abzuklären: "Erstens haben wir überprüft, wie Phänomene wie 'häusliche Gewalt' in diesen Dokumenten erklärt werden." Und zweitens wurde laut Sauer untersucht, "welche Lösungen für die thematisierten Probleme darin vorgeschlagen werden". Was zu vielen interessanten Erkenntnissen führte. So stammt beispielsweise das, was eingangs über die Prostitutionsgesetze in Slowenien und Wien hier geschrieben wurde, aus diesem MAGEEQ-Projekt.

Doch weitaus wichtiger ist wahrscheinlich, was die Frame-Analysen rund um das Thema "häusliche Gewalt" ans Tageslicht brachten. Das Bild, das sich hier ergab, ist nämlich alles andere als homogen - und gerade dadurch für den Ist-Stand, dessen Erhebung das Projekt als Fokus hatte, typisch: Zwar besteht in Europa ein Konsens darüber, dass das Problem der häuslichen Gewalt existiert. Wie es auch eine Tendenz gibt, häusliche Gewalt mit Geschlechterdiskriminierung in Zusammenhang zu bringen. Dennoch ist Letzteres aber eben nur eine Tendenz: Sobald man sich Texte der Mainstream-Politik anschaut, wird man feststellen, dass es mit dem Gender-Mainstreaming rasch vorbei ist.

"Weil dort dann doch eher von 'häuslicher Gewalt' als von ,Gewalt gegen Frauen' die Rede ist", wie Sauer ausführt. Und nicht nur das: Der Widerspruch zur Grundbehauptung, dass es um Diskriminierung geht, wird dadurch noch verstärkt, dass alle möglichen Ursachen zur Erklärung der Gewalt herangezogen werden - bis hin zur Perversion Einzelner, die zu einem Gewaltakt führte. Nie wird aber einem konkreten Akteur die Schuld gegeben, also nicht etwa Männern und Strukturen, die Männer klar bevorzugen.

Viel zu wenig Frauen

Am ehesten noch erfolgt eine "Beschuldigung" des Staates, der nicht genug für seine Bürger sorgt. Auf solche Denk- und Erklärungsschemata trifft man regelmäßig; auch dann, wenn es zum Beispiel um die Gleichstellung von Frauen und Männern innerhalb des politischen Systems geht: Hier werden zwar einerseits strukturelle Zusammenhänge als Ursache für die Unterrepräsentanz von Frauen im Spiel der Politik genannt (Stichwort: "etablierte Männerdomäne"); andererseits frisst man sich dann aber gerne in "Quantitäts-Diskussionen" fest, erklärt ergo das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen damit, dass zahlenmäßig halt einfach viel zu wenige Frauen in der Politik sind.

Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass die europäische Gleichstellungspolitik nach wie vor mehr von politischen Mainstream- als von Gender-Kategorien gekennzeichnet ist. Und dementsprechend Schuld für Ungleichheiten oft in allem Möglichen, nicht aber in den existierenden Gesellschaftsstrukturen sucht. Es bleibt also noch genug zu tun. Denn von einem "gendered Europe" kann derzeit noch keine Rede sein. (DER STANDARD, Printausgabe 05.04.2006)