Montage: DER STANDARD
Robert Worel fragt, was es mit den ominösen Originaltexten der Mozart-Kanons auf sich hat.
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Wie sehr Mozart fäkal-komische Ausdrücklichkeiten liebte, zeigt sich nicht nur in seinen Briefen, sondern auch in seinen Kanons. Hier wie dort begegnet uns ein Mensch aus Fleisch und Blut, der weit entfernt ist vom idealisierten, weit über den Wolken schwebenden Genie, als das uns Mozart bis heute verkauft wird. Dass die Nachwelt mit diesem Charakterzug des "Edlen von Sauschwanz" immer schon ihre Probleme hatte, versteht sich angesichts dieses Widerspruchs von selbst.

Ein Kanon wie "Leck mir den Arsch fein recht schön sauber" passt ebenso wenig ins Bild des zuckersüßen Wolferls, wie "Beym Arsch ists finster" oder "Bona nox, bist a rechta Ox" mit den Zeilen: "Gute Nacht, gute Nacht, / scheiß ins Bett, daß' kracht; / gute Nacht, schlaff fei g'sund / und reck' den Arsch zum Mund." So wurde aus "Bona nox, bist a rechta Ox" nach Mozarts Tod "Gute Nacht, bis der Tag erwacht!" und das "Difficile lectu mihi mars", das als "leck du mi im Arsch" zu lesen ist, wurde noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch "Heut ist uns ein Kindelein geborn / von einer Jungfrau auserkorn" ersetzt, wobei in der von einem gewissen Fritz Jöde 1930 herausgegebenen Kanonsammlung explizit darauf hingewiesen wird, dass sich "der Originaltext Mozarts der Wiedergabe entziehe".

Mit der "Reinigung" dieser Texte entsprachen die Zensoren offenbar dem Hygienebedürfnis einer Gesellschaft, die Dreck und Exkremente als abstoßend empfand und der es gleichgültig war, dass auf diese Weise die subversive Wirkung dieser Kanons völlig eliminiert wurde. Die Vorstellung, dass sich Mozart im Oktober 1777 in Augsburg mit seiner Cousine Maria Anna Thekla und Pater Aemilian Angermayr betrank, die drei dabei ordinäre Kanons sangen, und Mozart und das 19-jährige "Bäsle" anschließend vermutlich Sex hatten, muss solchen Leuten kalte Schauer über den Rücken jagen. (DER STANDARD, Printausgabe, 08./09.04.2006)