Bild nicht mehr verfügbar.

Ein Mittagsschlaf in der freien Natur ist ein simples, aber effektives Rezept gegen Frühjahrsmüdigkeit

Foto: apa/dpa/Stefan Kiefer
Die Natur ist gemein. Oder sollte man angesichts der Frühjahrsmüdigkeit vielleicht lieber paradox sagen? Seltsam ist es aber doch allemal, dass der Organismus nach einem langen kalten Winter bei den ersten tatsächlich wärmenden Sonnenstrahlen mit akuter Schlappheit reagiert. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und die lähmende Müdigkeit in Kombination mit Kopfschmerzen und Kreislaufschwäche lassen Büroarbeitern den Kopf auf die Tastatur sinken.

Keine Krankheit

Die gute Nachricht zuerst: Frühjahrsmüdigkeit ist keine Krankheit, sondern eine ganz natürliche Reaktion des Körpers auf neue Umweltbedingungen. Es braucht Zeit, bis sich das innere System umgestellt hat. So ist der für den April typische Wetterwechsel eine Herausforderung für den Organismus. Wenn es warm ist, weiten sich die Blutgefäße, der Blutdruck sinkt, Abgespanntheit ist die Folge. In einem anderen Erklärungsmodell werden Hormone für die Frühjahrsmüdigkeit verantwortlich gemacht.

Das Blatt wendet sich

Das Licht, das als Impulse über die Netzhaut aufgenommen und von dort an die Hirnanhangdrüse weitergeleitet wird, spielt beim Stoffwechsel eine wichtige Rolle. Konkret geht es um das "Glückshormon" Serotonin, das im Winter wenig produziert wurde, und das "Schlafhormon" Melatonin, das in der kalten Jahreszeit verstärkt ausgeschüttet wird. Steigt die Zahl der Sonnenstunden, und die Tage werden länger, wendet sich das Blatt. Es dauert eine Zeit, bis in diesem Wechselspiel das Gleichgewicht wieder hergestellt ist.

Schulmedizin

Aus Sicht des Schulmediziners Peter Fasching, Internist und Stoffwechselexperte am Geriatriezentrum Baumgarten, sind solche Erklärungsmuster zwar logisch, aber wissenschaftlich nicht eindeutig zu belegen. Was er jedoch mit Bestimmtheit behaupten kann, ist das Vorhandensein von Vitamin-D-Mangel, denn Vitamin D wird vom Körper vor allem unter Einwirkung des Sonnenlichts gebildet. Und die war im Winter Mangelware. "Die größten Banalitäten sind oft die besten Ratschläge, deshalb sage ich 'Legt euch in die Sonne und bewegt euch'." Die Ernährungswissenschafterin Ariana Titz, Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft österreichischer Heilmittelhersteller (IGEPHA), empfiehlt Vitamincocktails wie Supradyn, Centrum oder Multibionta als Fitmacher. Apothekerin Evi Wimmer von der Salvator-Apotheke in Eisenstadt empfiehlt zudem Johanniskrautpräparate in Form von Tee oder Tabletten.

TCM

Die Traditionelle Chinesische Medizin nähert sich der Bekämpfung von Frühjahrsmüdigkeit auf Ernährungsebene. "Der Winter ist der Nässe zugeordnet, es haben sich Schlacken gebildet, die nun im Frühjahr abgebaut werden sollen", erklärt Andreas Bayer, Rektor der TCM Privatuniversität. Seine Empfehlung: vegetarische Kost, wenig süße, kalte oder rohe Nahrungsmittel, Milchprodukte meiden und mindestens einen Liter Maishaar- oder Fencheltee pro Tag trinken. Auch frischer Ingwer, kurz mit heißem Wasser übergossen, habe aktivierende Wirkung.

Homöopathie

Homöopathen haben kein Patentrezept. "Jeder Organismus ist individuell. Müdigkeit ist ein Symptom, dessen Ursachen nur in einer umfassenden Anamnese geklärt werden können", erklärt die Allgemeinmedizinerin Susanne Stöckl-Gibs. Ihr Nachsatz: "Warum sollte der Körper in Zeiten der Umstellung nicht auch einmal Schwächen zeigen oder krank werden dürfen", sagt sie und meint, dass Frühjahrsmüdigkeit als Problem nur das Symptom einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft wäre.

Worüber sich Schulmediziner, Homöopathen und chinesische Mediziner jedoch einig sind: Viel Bewegung an der frischen Luft ist das allerbeste Mittel gegen Frühjahrsmüdigkeit, denn in der Natur schaltet der Körper automatisch in den Sommer-Modus um, und die Müdigkeit schwindet. (DER STANDARD, Printausgabe, 10. 4. 2006)