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Bernardo Provenzano

Foto: APA/epa/Franco Lannino-Michele Naccari
Seit Jahrzehnten hatte ihm die Polizei aufgelauert. Mehrmals war er ihr buchstäblich im letzten Augenblick entwischt. Doch am Dienstag ging er ins Netz: Bernardo Provenzano, der Boss der Bosse, der seit 43 Jahren im Untergrund lebte, wurde in seiner sizilianischen Heimatstadt Corleone verhaftet. Die Polizei spürte ihn in einer Hütte auf, Provenzano leistete bei der Verhaftung keinen Widerstand. Auftragszettel in den Hosentaschen

Der 73-Jährige war unbewaffnet, berichtete der Staatsanwalt von Palermo, Giuseppe Pignatone am Dienstag. Ein DNA-Test habe bestätigt, dass es sich tatsächlich um den Gesuchten handelt. In den Taschen von Provenzanos Hosen fanden die Polizisten Zettel, mit denen er seinen Vertrauensmännern Aufträge erteilte. Laut der Behörden kümmerte sich der Mafioso immer noch persönlich um den Drogenhandel und um andere illegale Geschäfte der sizilianischen Cosa Nostra.

Mythen

Nach Angaben der Sicherheitskräfte, die den Boss nun festnahmen, ähnelt er den Phantombildern, die von ihm im vergangenen Jahr angefertigt wurden. Viele Mythen ranken sich um Bernardo Provenzano. Unter anderem hieß es im vergangenen Jahr, er habe sich als Bischof getarnt. Auch soll sich Provenzano in Frankreich in einer Privatklinik einer Prostataoperation unterzogen und dafür als armer Bäcker aus Sizilien ausgegeben haben. Erst vor Kurzem hat sein Anwalt Salvatore Traina bekannt gegeben, dass Provenzano schon seit Jahren tot sei.

„Meine Überzeugung beruht auf sicheren Anhaltspunkten. Er ist seit Jahren, seit mehreren Jahren tot“, erklärte Traina. Blutige Fehden Sicher ist: Provenzano, wegen seiner Grausamkeit „la belva“ („die Bestie“) genannt, ist der Kopf der Cosa Nostra, der unumstrittene Chef der 80 sizilianischen Mafiaclans. Seit er im Mai 1963 untertauchte, hat er zwei blutige Mafiafehden und unzählige Razzien der Fahnder unbeschadet überstanden.

"Volksschüler" mit Managementfähigkeiten

1992 schnappte die Polizei Totò Rina, 1996 ging ihr Giovanni Brusca ins Netz, der auf der Autobahn bei Palermo den Konvoi des Mafiajägers Giovanni Falcone in die Luft gejagt hatte – Provenzano aber blieb verschwunden. Der Boss hat nur zwei Klassen Volksschule besucht. Dennoch bescheinigt ihm ein Dossier der Polizei „außerordentliche Managementfähigkeiten“.

Die Staatsanwaltschaft von Palermo betrachtet ihn als den Führer der Cupola, des geheimen Leitungsgremiums der Mafia. Noch 1991, erzählte der reuige Mafioso Antonio Piatti, habe der Boss wie ein Normalbürger bei Mazara im Westen der Insel gelebt und sei ungestört mit dem Motorrad durch den Fischerort gefahren.

Mittellos

Offiziell gilt der Mafia-Chef als mittellos. Der Besitz Provenzanos ist längst beschlagnahmt. Sein illegal erworbenes Vermögen konnte der Mafiaboss im Untergrund kaum ausgeben. Um der Polizei zu entgehen, musste Provenzano all die Jahre seine Kontakte auf wenige Vertraute beschränken. Italiens Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi gratulierte den Sicherheitskräften, Regionenminister Enrico La Loggia sprach von einem weiteren Erfolg der Regierung Berlusconi im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. In Sizilien hat indessen bei der „ehrenwerten Gesellschaft“ das Zittern davor begonnen, der Boss der Bosse könne auspacken. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD Printausgabe, 12.04.2006)