"Share fence" von NEXT Architekten

Foto: Droog Design

Kokon-Möbel "Table Chair" von Jurgen Bey

Foto: Droog Design
Dass aller guten Dinge eigentlich zwei sind, diese Erkenntnis vermittelt sich schon dem jungen Erdenbürger mit der allerersten Nahrungsaufnahme: Ohne dass er sich dessen überhaupt bewusst ist, bedient er sich wie selbstverständlich der zweigängig dargereichten Flüssigmahlzeit: Ist die erste Portion verzehrt, wird ihm automatisch die zweite Fuhre kredenzt - und die muss dann erst einmal verdaut werden. Aber nicht nur hinsichtlich der Verabreichung der Mahlzeiten, sondern auch dann, wenn das Baby allmählich zu Sinnen kommt, das heißt, wenn es die anfänglich mehr oder weniger intuitiv dahingeplapperten Silben zu ersten Wörtern addiert, richten sich diese in den meisten Fällen an ein Duo, an das den Wonneproppen umsorgende Elternpaar, an Mama und Papa.

Mit Oma und Opa, Onkel und Tante, Bruder und Schwester und all den anderen nahen und fernen Verwandten erweitert sich mit den Jahren zumindest das Panorama der gemischten Doppel, bevor dann, so ungefähr mit drei, die männlich-weibliche Stereotypie durch das abstrakte 1 + 1 = 2 erstmals eine absolut unpersönliche, rein "rechnerische" Dimension erfährt. Allerdings verläuft diese erste Begegnung mit der Mathematik nicht ganz unproblematisch. Und so bedienen sich pädagogisch ambitionierte Eltern seit Generationen bestimmter Gegenstände, die den körperlosen Zahlen eine eindeutige, jedem Kind verständliche Zweisamkeit geben: Autos und Bälle (für die kleinen Männer), Blumen und Puppen für die jungen Damen und natürlich Äpfel und Birnen, Hände, Füße, Augen und Ohren für alle. Wir alle kennen das, wir alle haben so das kleine Einmaleins gelernt.

Kleinstkindmathematik

Schwierig wird es eigentlich immer nur dann, wenn die kleinen Racker Apfel und Birne, Auge und Ohr oder, ganz aus der dualen Reihe, Hand und Apfel addieren wollen. Was da rauskommt, kann ihnen bis heute keiner sagen, und selbst der selbstsicherste Großonkel verfällt angesichts solch unbefangen vorgetragener Beispiele angewandter Kleinstkindmathematik in hilfloses Gestotter. "Geht nicht, gibt's nicht!", heißt es dann kategorisch, gerechnet wird nur, was an ein und demselben Baum hängt. Kluge Eltern allerdings vermeiden solch harsche Absagen an die kindliche Neugier und beginnen stattdessen eine neue Lektion: Apfel und Birne, das sind (langsam gesprochen) z w e i Früchte , und Auge und Ohr ergibt (noch langsamer gesprochen, dann jedoch für Fortgeschrittene) zwei S i n n e s o r g a n e. Ganz Beflissene liefern in solchen Fällen auch gern noch den grammatikalischen Oberbau von Einzahl und Mehrzahl mit, sprich: mehrere, d. h. mindestens zwei gleiche Einzelteile summieren sich immer zum Plural oder aber zu einem mehrere Einzelteile einer Art umfassenden Gattungsbegriff.

Wie zum Beispiel Messer und Gabel, die, so vernimmt man dann, ein "Besteck" ergeben. Allerdings ahnen die lieben Eltern in diesen Momenten nicht, welch begriffliches Minenfeld sie mit einer derart avancierten Analyse betreten. Denn just die Darlegung des funktionalen Zusammenspiels der beiden Werkzeuge lenkt den Blick nicht nur des aufgeweckten Nachwuchses auf eine Reihe anderer Pärchen des häuslichen Esstischs, denen eine derart allgemein eingeführte Gattungsbezeichnung versagt geblieben ist, die aber in einer ähnlich engen Beziehung zueinander stehen. Zum Beispiel auf den Bausatz Tasse und Untertasse, oder auf die Abschmecker Pfeffer und Salz, die gerne, man denke nur an Wilhelm Wagenfelds Zwillinge "Max und Moritz", lediglich an der unterschiedlichen Lochung erkennbar sind, oder aber auf Essig und Öl, die vor allem in von mediterranen Urlaubsimpressionen geprägten Haushalten durchwegs in Form von zwei schlichten Pressglaskaraffen gereicht werden.

Zu Set vereinte Paare

Für all diese Basics gilt, dass sie zwar immer aus zwei Teilen bestehen, dass diese häufig zudem zu einem sogenannten Set vereinten Paare aber auf unterschiedliche Weise benannt werden. Noch verworrener, zumindest unter rein terminologischen Gesichtspunkten betrachtet, wird diese tischgebundene Pärchenbildung beim Blick auf diverse Speisen, etwa auf "Speck und Eier" oder aber auf die bodenständige Gastro-Frankfurtensie "Rippchen mit Kraut", die sich jedem Besucher der Mainmetropole für Jahre in den Gaumen einbrennt.

Nun wäre es ein Leichtes, die am Beispiel des gedeckten Tischs aufgefächerte Vielschichtigkeit dinglicher Zweierbeziehungen auf den gesamten Hausrat auszudehnen, zumal auch hier jedes Zimmer, jedes Möbel, um nicht zu sagen jeder Winkel, eine kaum überschaubare Zahl ähnlich intensiver Pärchenbildungen beherbergt; man denke nur an Tisch und Stuhl, Bild und Rahmen, Stecker und Steckdose, Lampe und Fassung oder Jacke und Hose. Ganz zu schweigen von der bibliothekarischen und medialen Grundausstattung, die, quer durch alle Höhen und Tiefen von E und U, für jeden Geschmack, für alle Generationen die passenden Doppelköpfe bereithält: Adam und . . , Asterix und . . ., Dick und . . ., Jules und . . ., Leonce und . . ., Siegfried und . . ., Gilbert und . . ., usw. usf.

Erbauende Duette

Allein über diese uns immer wieder erbauenden Duette ließen sich ganze Enzyklopädien verfassen. Aber lassen wir das, die Betrachtung würde lediglich die bereits auf dem Tisch konstatierte Bandbreite der konventionellen, konstruktiven und funktionalen Ab- und Unabhängigkeiten bestätigen und uns in eine buchhalterische Endlosschleife hineinziehen.

Viel interessanter erscheint es dagegen, nach solchen Beispielen Ausschau zu halten, die abseits der seit Menschengedenken existierenden Zweisamkeiten, bislang voneinander getrennte bzw. unauflöslich vereinte Statisten der dinglichen Alltagswelt in ein neues Verhältnis zueinander setzen. Geradezu spezialisiert auf derartig trennende bzw. vereinende Ausdifferenzierung bestehender Einheiten sind die Protagonisten der holländischen Experimenten-Zelle DROOG. So zerlegte 1995 Dick van Hoff das einspurige Rohr einer Kalt-Warmwasser-Armatur in zwei Rohre, die erst kurz vor dem Ausfluss zu einem Doppelrohr zusammengeführt werden. Genau das Gegenteil hatte bereits 1990 Arnout Visser mit seiner Essig-und-Öl-Flasche vorgeschlagen: Anstatt diese obligatorischen Geschmacksverstärker in zwei Gefäßen getrennt zu servieren, schüttete Visser Essig und Öl in einen einzigen, rohrförmigen Zylinder. Die einzige Besonderheit dieses Zylinders bestand darin, dass er über zwei Ausgüsse verfügte, einen am unteren, einen am oberen Ende. Einen also für das oben im Glas schwimmende, leichtere Öl, und den anderen für den schwereren, unten befindlichen Essig. Das funktioniert bestens und spart obendrein Platz.

Der Zaun - ein Endlosthema

Nicht minder schlüssig war der Entwurf der NEXT-Architekten aus dem Jahr 2001. Sie befassten sich mit dem Thema Zaun. Ein Endlosthema - vor allem ein Thema mit gewaltigem juristischen Potenzial, denkt man an all die Prozesse, die jahraus, jahrein allein um die richtige bzw. falsche Behandlung dieser Territorialmarkierung geführt werden. Und genau hier setzen NEXT an. Sie definieren den Zaun als eine Art Depot, in das all die Utensilien wie Werkzeuge, Gartengeräte etc. eingelassen werden, die mit Sicherheit von beiden Anliegern benötigt werden. Das geht bis zur Tischtennisplatte, die aus der scheibenartigen Trennwand herausgeklappt wird. Hier könnte dann nicht nur ein Match zwischen Freunden, sondern ebenso ein schwelender Clinch um allzu intensiv geröstete Grilladen ausgetragen werden. Jedes Ding hat eben seine zwei Seiten. Selbst der Gartenzaun.

Lange vor DROOG hatten sich allerdings auch schon Größen wie Richard Sapper / Marco Zanuso, Achille Castiglioni oder Joe Colombo mit dem Thema Zwei-in-Einem bzw. Eins-plus-Eins auseinander gesetzt. Erinnert sei hier nur an Sapper / Zanusos zweiflügeligen Transistorradio TS 502 von 1963 oder an die Glasserien "Two-in-one" von Joe Colombo (1967 / 68 für Riedel) und Castiglionis Paro von 1983 für Danese. Ganz ungefährlich sind solche Kombination zwischen kleinen und großen Fassungsvermögen jedoch nicht, ist es doch durchaus denkbar, dass zu fortgeschrittener Stunde Schnaps und Wein verwechselt werden. Denn wie sagte schon Ernst Jandl: manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern werch ein illtum! (Der Standard/rondo/14/4/2006)