Salzburg - Unter der "künstlerischen Leitung" von Simon Rattle hat der Salzburger Ordinarius am Institut für Musik-und Tanzwissenschaft, Jürg Stenzl, ein eindrucksvolles, umfangreiches Kontrapunkte-Programm zusammengestellt. Ein facettenreicher Beleg für umfassende Kenntnisse der Literatur der 30er und 40 Jahre. Die Idee, Musik aus diesen dunkelsten Perioden des 20. Jahrhunderts in Erinnerung zu rufen, ist nicht neu. Viele gute, manche bedeutende Werke, aber auch einiges von lauer Qualität ist in den letzten zwei Jahrzehnten aufgeführt und auch auf Tonträgern festgehalten worden. Besonders die Werke von Erwin Schulhoff - dessen markantes Sextett hier aufgeführt wurde -, von Pavel Haas, Viktor Ullmann und Gideon Klein gehören heute zum spezialisierten Standardrepertoire.

Die drei Kontrapunkte standen unter den Überschriften Musik aus dem Untergrund und dem Exil, Zwischen Paris und Theresienstadt, New York und Glarus (eine etwas dehnbare Musikgeschichte!) und ... aus finsteren Zeiten.

Als eine der wichtigen Entdeckungen - Stenzl sei Dank - erwies sich am ersten Abend ein Quintett für Klarinette, Fagott, Violine, Violoncello und Klavier des aus der Ukraine stammende Constantin Regamey (1907-1982). Das Werk wurde am 6. Juni 1944 - ich zitiere den Begleittext - "in einem Warschauer Untergrundkonzert am Tag der alliierten Landung uraufgeführt." Eine vorwiegend milde, anschauliche Musik von ehrlicher Expressivität mit einem eröffnenden Variationssatz, einem ,Intermezzo romantico' und einem ,Vivace giocoso' zum Beschluss. Nichts in und zwischen diesen notierten Zeilen von Beklemmnis, nichts von den Erschütterungen dieser schicksalhaften Tage und Wochen. Es scheint, wie bei so vielen Arbeiten aus dieser Zeit des allgemeinen Zusammenbruchs, die Musik eine Möglichkeit gewesen zu sein, wenigstens ein wenig die Tür in Richtung einer milder gestimmten Atmosphäre zu öffnen.

Enttäuschend die lauen, strähnigen Douze Variétudes des Russen Vladimir Vogels für Violine, Flöte, Klarinette und Violoncello, von größerem Interesse dagegen Karl Amadeus Hartmanns Streichquartett Nr. 1 (Carillon), dessen Kontrastprogramm zwischen "Langsam" und "Con tutta forza" das Berliner "Athenäum Quartett" mit Umsicht und hinreichend Vitalität erfüllte.

Ausführende dieser Konzerte mit wahrhaft grenzüberschreitender Konzeption (Roussel, Jolivet, Wolpe, Krenek u. v. a.) waren nicht nur vom Veranstalter engagierte, sondern wirklich engagierte Mitglieder der Berliner Philharmoniker, die keine Mühe scheuen, sich neben den anstrengenden Osterfestspiel-"Diensten" auf literarische Abenteuerfahrt zu begeben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16./17.4.2006)