Nu-Logo
Gemäß der im Impressum festgeschriebenen Eigendefinition ist Nu ein "Informationsmagazin für die Mitglieder der IKG (Israelitischen Kultusgemeinde, Anm.) und ihnen nahe stehende, an jüdischen Fragen interessierte Menschen" - so weit, so zielgruppenspezifisch.

Einem an der jüdischen Thematik mäßig interessierten Leser fällt aber bereits beim flüchtigen Durchblättern der Zeitschrift auf, dass Nu mehr ist als ein auf eine schmale Zielgruppe zugeschnittenes Medium. Das vierteljährlich erscheinende Heft mit einer Auflage von 3500 Stück funktioniert vielmehr wie ein ausgewachsenes Nachrichtenmagazin.

Das breite inhaltliche Spektrum reicht von aktuellen politischen Themen, die aus jüdischer Perspektive betrachtet werden, über Buch-und Filmrezensionen, historische Beiträge, Berichte zur Lage der Kultusgemeinde - die übrigens, darauf legen die Macher der Zeitschrift großen Wert, nicht als Herausgeber fungiert - bis hin zum jiddischen Kreuzworträtsel. Manch eine Story hat dabei das Zeug zum Knüller.

So geschehen etwa im Jahr 2003, als ein Interview mit Alfred Gerstl weltweit zitiert wurde: Der Ziehvater von Arnold Schwarzenegger erzählte unter anderem darüber, wie der in den USA unter Rassismusverdacht geratene Neo-Politiker 1964 in Graz mithalf, eine Ansammlung von Neonazis aufzulösen. Wobei Nu nachträglich darauf hingewiesen hat, nicht bewusst in den kalifornischen Wahlkampf-Ring gestiegen zu sein.

Doppelconférence

Neben der thematischen Vielfalt fällt positiv die Tatsache auf, dass die Redaktion viel von der mancherorts bereits ausgestorbenen Kunst des intelligenten Gesprächs hält. Ein hoher Stellenwert wird Interviews eingeräumt: Gesprächen mit nicht ausschließlich aus dem jüdischen Blickwinkel interessanten Zeitgenossen wie etwa Ex-Schachweltmeister Garry Kasparov oder Staatsoperndirektor Ioan Holender in der jüngsten Ausgabe. Darin liefert Kasparov eine ernüchternde Einschätzung der aktuellen politischen Lage in Russland, während Holender über sein Judentum und sein Verhältnis zu Wolfgang Schüssel spricht.

Diese Interviews werden von Medienprofis wie der ORF-Journalistin Danielle Spera geführt, behutsam redigiert und in möglichst vollem Umfang - die Schmerzgrenze liegt nach Auskunft von Nu-Chefredakteur Peter Menasse bei etwa 18.000 Zeichen - abgedruckt. Für die Gesprächsfotos verantwortlich zeichnet dabei niemand Geringerer als Star-Fotograf Peter Rigaud, der wie alle anderen Mitwirkenden für Nu unentgeltlich arbeitet. Die jüdische Herkunft ist übrigens keine Grundvoraussetzung, um mitmachen zu können. Es sei wichtig zu zeigen, dass auch Nichtjuden sich mit für Juden relevanten Themen kompetent und informativ auseinandersetzen können und wollen, sagt Menasse.

Die Liebe zum kultivierten Dialog macht nicht einmal vor der MeiNungsseite halt. Menasse hat gemeinsam mit Co-Autor und Nu-Hauptfinancier Erwin Javor die journalistische Gattung Kommentar mit den Mitteln der Doppelconférence verfeinert. Herausgekommen ist dabei ein Zwitterwesen namens "Dajgezzen und Chohmezzen" (was ungefähr so viel heißt wie "sich auf hohem Niveau Sorgen machen und alles so verkomplizieren, dass niemand sich mehr auskennt"), das nach dem Prinzip einer verbalen Jam-Session funktioniert.

Mal geht es in den kurzen Zwiegesprächen um den Verfassungsbogen, ein anderes Mal wird über die Notwendigkeit von österreichweit zweisprachigen Ortstafeln parliert - Tafeln in Deutsch und Jiddisch. (DER STANDARD; Printausgabe, 20.4.2006)