Brüssel/Moskau - Russlands Gasmonopolist Gazprom hat Europa davor gewarnt, ihn bei seiner geplanten Expansion zu behindern. Man werde Gas in Zukunft verstärkt auch in andere Weltregionen wie China oder Nordamerika exportieren. Der weltgrößte Gasproduzent will nach Aussagen von Unternehmenskreisen vom März in den nächsten Jahrzehnten seinen Marktanteil in Europa durch Übernahmen von heute 25 auf 30 Prozent ausdehnen - was in der EU nach der schweren Gas-Krise zu Jahresbeginn nicht unumstritten ist.

In folgendem ein Überblick übe die Aktivitäten von Gazprom weltweit:

  • ASIEN UND NAHER OSTEN - Gazprom will China und Südkorea an sein Pipeline-Netz anschließen. Eine Vereinbarung über eine neue Gasleitung mit China soll noch heuer unterzeichnet werden. Zusätzlich plant der Konzern nach China ebenso wie nach Korea und Japan neue Flüssiggas-Exporte. In Indien soll ein neues Gasfeld erschlossen werden, ebenso wie im Iran. An einer Pipeline zwischen diesen beiden Ländern will sich Gazprom ebenfalls beteiligen.

  • USA - Gazprom will in einigen Jahrzehnten rund ein Fünftel des US-amerikanischen Gasverbrauchs abdecken. Das Gas soll großteils aus einem neuen Gasfeld in der Arktis und zum Teil auch durch eine Umschichtung von bisherigen Lieferungen nach Europa kommen und als Flüssiggas in die USA gelangen. Gespräche über die gemeinsame Nutzung von Gasanlagen in den USA, Mexiko und Kanada gibt es bereits mit Chevron, ConocoPhillips, Total, Statoil, Norsk Hydro, Sempra und Royal Dutch/Shell.

  • DEUTSCHLAND - Von Gazprom stammt etwa ein Drittel des deutschen Gasverbrauchs - basierend auf Verträgen mit der E.ON-Tochter Ruhrgas und dem BASF-Unternehmen Wintershall. Gleichzeitig kontrolliert der russische Konzern in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Wintershall in Deutschland ein 1.830 km langes Netz von Gasleitungen. In einem Joint-Venture mit Wintershall versorgt Gazprom auch Rumänien, ein weiteres Gemeinschaftsunternehmen mit Ruhrgas beliefert die Schweiz.

    Über eine neue Ostseepipeline soll der Gashandel zwischen Deutschland und Russland weiter verstärkt werden. Beraten wird Gazprom dabei vom ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Im Zuge des neuen Pipelineprojekts plant Gazprom die direkte Beteiligung an weiteren deutschen Gasanlagen. Unter anderem überlegt der Konzern den Ankauf von Gastverteilungsanlagen von E.ON im Austausch gegen Anlagen in Westsibirien.

  • GROSSBRITANNIEN - Seinen Anteil am britischen Gasmarkt will Gazprom bis 2010 auf 10 Prozent bzw. 10 Mrd. Kubikmeter pro Jahr aufstocken. Derzeit hält der Konzern bei einem Volumen von 4 Mrd. Kubikmeter. Laut Medienberichten will Gazprom den Energiekonzern Centrica übernehmen - mit seiner Tochter British Gas und rund 16 Mio. Kunden das größte Gasunternehmen Großbritanniens. Ebenfalls im Kaufinteresse des russischen Gasriesen liegen neue Lager, Nordseegas-Projekte und ein größerer Anteil an der Pipeline zwischen Großbritannien und Belgien.

  • FRANKREICH - Am französischen Markt deckt der Konzern in vertraglicher Absprache mit Gaz de France (GdF) ein Viertel des französischen Gasbedarfs. Einen Masterplan für Zukäufe am französischen Markt gibt es nicht, ein Einstieg in Elektrizitätsgeschäft durch Gas-Gegengeschäften mit Stromwerken ist aber in Planung. GdF und die algerische Sonatrach gelten als wichtige Partner für Gazprom bei Geschäften mit Flüssiggas für die USA.

  • ITALIEN - Italien erhält über den italienischen Energieriesen ENI ein Drittel seinen Gasbedarfs von Gazprom. Der Konzern hat außerdem eigene Verträge mit Enel und Edison abgeschlossen und plant weitere Expansionen, um von der Liberalisierung des italienischen Gasmarktes zu profitieren.

  • ÖSTERREICH - Über Verträge mit der OMV deckt Gazprom 60 Prozent des österreichischen Gasbedarfs. Österreich ist zugleich Transitland für die Versorgung des italienischen, französischen, ungarischen, slowenischen und kroatischen Marktes mit russischem Gas. Gemeinsam mit der deutschen Wingas und dem österreichischen Gasspeicherunternehmen RAG baut Gazprom für 250 Mio. Euro eine Speicheranlage in Haidach an der Grenze Oberösterreich/Salzburg, die zweitgrößte derartige Anlage in Zentraleuropa.

  • BELGIEN - Hier visiert Gazprom Gemeinschaftsfirmen mit den Energieversorgern Distrigas und Fluxys an. Auch eine Beteiligung an Fluxys ist nicht ausgeschlossen. An der belgischen Küste in Zeebrugge wird der russische Konzern möglicherweise einen neuen Gas-Hub und neue Lagerstätten für Flüssiggas errichten.

  • TÜRKEI - Über Südeuropa und eine Pipeline im Schwarzen Meer, die der Konzern gemeinsam mit der italienischen ENI betreibt, deckt Gazprom drei Viertel des türkischen Gas-Verbrauchs ab. Die Kapazitäten der Schwarzmeer-Leitung sollen demnächst ausgeweitet werden, um umgekehrt mehr Gas nach Österreich und Italien pumpen zu können. Gleichzeitig plant Gazprom die direkte Beteiligung an türkischen Gasfirmen und über die Türkei auch den Gasexport nach Israel.

  • ZENTRALEUROPA - In Tschechien hat Gazprom durch einen Vertrag mit Vemex das frühere staatliche Gas-Monopol durchbrochen. In der Slowakei besitzt der Konzern gemeinsam mit Ruhrgas und Gaz de France 49 Prozent des dortigen Gas-Netzwerks. In Ungarn will sich der Konzern zum einen am Gasgeschäft von MOL und E.ON, zum anderen auch an neuen Lagerstätten beteiligen. Neue Lagerkapazitäten strebt der Konzern auch in der Ukraine, in Polen, im Baltikum und in Rumänien an. In der Ukraine will Gazprom außerdem die Kontrolle über die Transitleitungen gewinnen, in Polen das Transitnetz ausbauen. (APA/Reuters)