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Medikamentenmiss­brauch wird zu oft tabuisiert

Foto: apa/dpa/Heiko Wolfraum
2005 sind in Österreichs Apotheken laut dem Institut für Medizinische Statistik rezeptfreie Schmerzmittel (Analgetika) im Wert von zirka 17,7 Millionen Euro über den Ladentisch gegangen. Das entspricht einem Zuwachs von 3,2 Prozent im Vergleich zum Jahr 2004.

Trend birgt Gefahren

Der Trend zur Selbstmedikation, auch OTC (Over the counter) medication genannt, nimmt zu. Die Menschen behandeln eigenverantwortlich ohne ärztliche Verordnung mehr oder weniger geringfügige Beschwerden oder wollen präventiv etwas für ihre Gesundheit tun. Zudem werden die gesetzlichen Krankenversicherungen dadurch finanziell entlastet. Die große Gefahr der Selbstmedikation liegt jedoch in der zunehmend falschen Handhabung nicht-rezeptpflichtiger Arzneimittel.

Risiko Abhängigkeit

Verlängerte Einnahmedauer, falsche Dosierung oder abweichende Indikation können in die Abhängigkeit führen und beträchtliche gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod bewirken. Im Gegensatz zur Alkohol- und Drogenabhängigkeit ist Medikamentenmissbrauch jedoch ein für die Öffentlichkeit unsichtbares Problem.

Indikation Kopfschmerz

Kopfschmerz ist ein häufiges Symptom, das Österreicher zu rezeptfreien Schmerzmitteln greifen lässt ohne vorher einen Arzt zu konsultieren. Ein bis drei Prozent der Allgemeinbevölkerung verwenden täglich Schmerzmittel. Die wesentlichen Substanzen die zur Schmerzlinderung verwendet werden sind Paracetamol (Mexalen), Acetylsalicylsäure (Aspirin), Ibuprofen (Aktren) und Diclofenac (Voltaren). Alle vier gehören der großen Gruppe der NSAR (nicht-steroidale Antiphlogistika/ Antirheumatika) an und sind nicht-opioide Schmerzmittel. Sie enthalten keine Opiate und finden ihren Einsatz bei schwachen und mittelstarken Schmerzen.

Analgetika-Syndrom nach jahrelangem Missbrauch

Sofern man NSAR nur über wenige Tage und in entsprechender Dosierung bei richtiger Indikation anwendet, sind sie im Allgemeinen gut verträglich. Bei langfristiger Anwendung steigt jedoch die Gefahr von Nebenwirkungen.

Folgeschäden

Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre, allergischen Reaktionen, Blutbildveränderungen und Störungen der Leberfunktion sind einige der möglichen Folgeerkrankungen. Letztendlich kann der jahrelange Missbrauch bis zum dialysepflichtigen Nierenschaden führen. Interessanterweise wissen viele Dialysepatienten nichts über diesen Zusammenhang.

Mono- oder Kombinationspräparate

Wesentlich ist die Unterscheidung in Mono- und Kombinationspräparate, besonders umstritten sind die Mischpräparate. Diese enthalten eine Kombination verschiedener Schmerzmittelsubstanzen und einen psychoaktiven Zusatzstoff wie Koffein oder Codein. Beide haben eine euphorisierende Wirkung und werden nicht nur zur Linderung von Schmerzen eingenommen sondern auch um sogenannte "Befindlichkeitsstörungen" zu beseitigen.

Schmerzmittel-induzierter Kopfschmerz

Kombinationspräparate (bekanntes Beispiel Thomapyrin - eine Mischung aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein) verursachen häufig den schmerzmittel-induzierten Kopfschmerz. Schon nach kurzer Einnahmedauer gerät der Betroffene in einen Teufelskreis. Grund dafür ist der Entzugskopfschmerz, der den Medikamentenmissbrauch fördert. Jeder Versuch die Schmerzmitteleinnahme zu reduzieren scheitert an der darauffolgenden Verschlechterung des Kopfschmerzes. Der Griff zum nächsten "Schmerzpulverl" ist vorprogrammiert.

Verwirrender Beipackzettel

Der Laie ist nicht immer in der Lage die wesentlichen Hinweise aus der Fülle an möglichen Nebenwirkungen im Beipackzettel herauszufiltern. Informationen, die für die Selbstmedikation von entscheidender Bedeutung sind, entgehen den Betroffenen oft.

Beispiel Aspirin

Das laut dem "Guinness-Buch der Rekorde" weltweit am meisten verkaufte Schmerzmittel ist Aspirin. Hier ist vor allem die Information, dass Aspirin (Acetylsalicylsäure=ASS) die Blutgerinnung beeinflusst, bedeutsam. Nicht umsonst wird es therapeutisch auch nach einem Herzinfarkt eingesetzt. Jemand der regelmäßig Aspirin einnimmt, muss daher bei einem Unfall mit einer erhöhten Blutungsgefahr rechnen. Diese erhöhte Blutungsneigung hält bis zu 7 Tage nach der letzten Einnahme an. Auch über die mögliche Auslösung eines Asthmaanfalls durch den Wirkstoff ASS weiß nicht jeder Asthmatiker Bescheid.

Aufklärung

Eigenverantwortliche Selbstmedikation macht nur Sinn, wenn man ausreichend über das entsprechende Medikament informiert ist. Einnahmedauer, Dosierung, Indikation und die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten muss man unbedingt beachten. Bei Schmerzen ist Monopräparaten der Vorzug zu geben, da hier Nebenwirkungen kalkulierbarer sind. Aufklärungskampagnen um mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein zum Thema Medikamentenmissbrauch zu erreichen wären wünschenswert. (phr)