Vatikanstadt - Der Heilige Stuhl überprüft derzeit einige Normen für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren. Untersucht werden vor allem die Zuständigkeit der Ortsbischöfe bei der Auswahl und Einleitung solcher Prozesse, die Bedeutung und Definition des "Wunders" sowie die Kriterien für ein Martyrium, wie Kathpress am Donnerstag meldete. Papst Benedikt XVI. forderte die derzeit im Vatikan tagende Vollversammlung der Heiligsprechungskongregation in einer schriftlichen Botschaft auf, diese drei Aspekte gründlich zu überprüfen.

Neuester Stand der Wissenschaften

Ein Seligsprechungsprozess könne nur eingeleitet werden, wenn der Kandidat tatsächlich im "Ruf der Heiligkeit" stehe, betonte der Papst in seiner Botschaft. Herausragende christliche Lebensführung oder besondere kirchliche oder soziale Leistungen allein seien noch keine hinreichende Voraussetzungen, um die Eröffnung eines Verfahrens zu rechtfertigen. Zudem forderte der Papst die Kongregation auf, die Frage eines Wunders im Licht der kirchlichen Tradition, der heutigen Theologie und nach dem neuesten Stand der Wissenschaften zu klären. Zur Definition des Martyriums machte Benedikt XVI. geltend, dass die Täter durch "Hass gegen den Glauben" motiviert gewesen sein müssen.

"Krampfadern-Wunder" von Kaiser Karl

Bei dem 55-jährigen Seligsprechungsverfahren für den letzten österreichischen Kaiser Karl I. (1887-1922) hatte das Wunder für Diskussionen gesorgt, das nach Bitte um Fürsprache bei dem verstorbenen Monarchen 1960 erfolgt sein soll. Die in Brasilien tätige polnische Nonne Maria Zita Gradowska wurde nach vatikanischen Erkenntnissen auf wissenschaftlich nicht erklärbare Weise von einem langwierigen Beinleiden geheilt. Dies wurde in den Medien als "Krampfadern-Wunder" bezeichnet. Für Nicht-Märtyrer wie Karl I. ist ein Wunder neben einem heiligmäßigen Leben Voraussetzung für eine Seligsprechung (Beatifikation). (APA)