Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) wird also, wenn alle Stricke reißen, der Gewerkschaftsbank Bawag P.S.K. unter die Arme greifen und Liquidität zur Verfügung stellen. Es bestehe zwar kein Grund zur Panik, die Bawag sei eine solvente Bank, die OeNB stehe aber "Gewehr bei Fuß", ließ Liebscher alle Kunden der Bank, die sich in einer "schwierigen Situation" befinde, via Hörfunk wissen.

Zwei Fakten an dieser Beruhigungsrede müssen beunruhigen: ihr Zeitpunkt und die Betonung des Selbstverständlichen.

Denn die Bawag kommt bereits seit der Vergabe des Refco-Blitzkredits im vorigen Herbst nicht mehr zur Ruhe, und die existenzgefährdende Klagsdrohung aus den USA war zum Zeitpunkt von Liebschers Charmeoffensive auch schon drei Tage alt. Nicht einmal die Warteschlangen an den Bankschaltern waren ein neues Bild: Schon bei der ersten Refco-Welle im Vorjahr sind die Kunden enerviert um ihr Geld gelaufen, hatten sich die Abhebungen an Spitzentagen auf gut 60 Millionen Euro summiert. Von allenfalls notwendigen Rettungsaktionen und Geldzufuhren war damals freilich nichts zu vernehmen.

Die Notenbanker haben also nicht nur spät reagiert - sondern auch auffällig laut und demonstrativ. Denn seit Österreich der Währungsunion angehört, ist die OeNB Mitglied des Systems der europäischen Zentralbanken und darf in den Gremien der Europäischen Zentralbank mitreden. In Österreich hat sie - abseits des Polierens von Euro-Münzen und Druckens von Euro-Scheinen - nur noch eine wichtige Aufgabe: Sie muss sich um die Stabilität des Finanzmarktes kümmern. Das Versorgen mit Barem, wenn eine Bank einmal schlechtere Zeiten durchlebt, ist somit nichts anderes als eine Selbstverständlichkeit, die tunlich in aller Diskretion durchgeführt gehört.

Mit der Verkündigung des Notenbankchefs, die OeNB werde ihren Job eh machen, ist zweierlei gelungen: Die Beruhigung der Sparer ist nicht größer geworden und alle Blicke wurden auf die im Raum stehenden "Rettungspläne" oder "Auffanglösungen" für die Gewerkschaftsbank gelenkt.

Recht erfolgreich abgelenkt wurde so von der essenziellen Frage, was denn der Eigentümer der Bank für selbige tun könnte - und müsste. Das wird bestenfalls nicht sehr viel sein, weil der ÖGB finanziell längst auf dem Zahnfleisch marschiert. Dass er "finanziell handlungsfähig ist", glaubt nur noch sein Interimspräsident Rudolf Hundstorfer. Denn der ÖGB hat nicht das nötige Geld, der Bawag Eigenkapital zuzuschießen, und schon gar nicht jenes Kleingeld, mit dem er einen Vergleich mit den Refco-Gläubigern in den USA finanzieren könnte - ganz zu schweigen von den demnächst fälligen rund 400 Millionen Euro Schulden, die er 2004 aufgenommen hat, um 46 Prozent der Bawag von der Bayerischen Landesbank zurückzukaufen.

Fast könnte man glauben, großkoalitionäre Kräfte würden an Auffanglösungen für die Bawag basteln - um die mindestens so dramatische ÖGB-Finanzkrise zu kaschieren. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.5.2006)