Berlin - Der monatlich aus einer Umfrage unter 3.000 europäischen Firmen errechnete RBS/BME-Einkaufsmanagerindex stabilisierte sich im April auf dem höchsten Niveau seit dem Sommer 2000.

Volle Auftragsbücher

In Deutschland stellten die befragten Industrieunternehmen so viele neue Mitarbeiter ein wie seit über fünf Jahren nicht mehr. Die Auftragsbücher füllten sich weiter kräftig und die Fertiglager leerten sich. Trotz der guten Nachrichten bereiten Volkswirten allerdings der hohe Ölpreis und der Höhenflug des Euro Sorgen.

Der am Dienstag veröffentlichte Frühindikator für die deutsche Wirtschaft verharrte bei 58,1 Punkten, das Barometer für die Euro-Zone stieg auf 56,7 von 56,1 Zählern. Ab 50 Stellen zeigt der EMI Wachstum an, Werte darunter signalisieren eine negative Tendenz.

"Nachdem wir lange Zeit nur von einer Erholung gesprochen haben, kann man nun für die Industrie - insbesondere in Deutschland - von einem echten Aufschwung sprechen", sagte Jens-Oliver Niklasch von der LBBW. Vor allem der Anstieg der EMI-Komponente für die Beschäftigung auf 53,4 von 52,1 Punkten erfreute die Analysten. "Das spricht dafür, dass nun die zweite oder dritte Stufe der Konjunkturrakete zündet", sagte Niklasch.

Privatkonsum hinkt leicht nach

Bisher hinkt der Konsum wegen der hohen Arbeitslosigkeit der Entwicklung in der vom Boom der Weltkonjunktur profitierenden Industrie nach. Ein nachhaltiger Beschäftigungsaufbau ist aber wesentlich für den privaten Verbrauch und eine Festigung des Aufschwungs. "Auf einem Bein - dem privaten Konsum - hinkt die Konjunktur noch, das sollte sich aber bald bessern", sagte Niklasch. Holger Schmieding von der Bank of America zeigte sich ebenfalls gewiss: "Der Aufschwung wird breiter und damit wachsen die Chancen, dass er dauerhaft und selbsttragend wird."

Hoffnung auf eine Fortsetzung der positiven Dynamik machte auch der erneut gewachsene Auftragseingang. Mit 61,9 Zählern liegt der Index für die deutsche Branche wie im Vormonat auf dem höchsten Stand seit fast sechseinhalb Jahren. Vor allem die Nachfrage aus den USA, China und Osteuropa zog an. Wegen des steigenden Auftragsbestands leerten sich sowohl die Fertigwaren- als auch die Materiallager. "Wegen des hohen Auftragsbestands gehen wir davon aus, dass die Beschäftigungszahlen weiter steigen", sagte der NTC-Chefvolkswirt Chris Williamson.

Die deutsche Aufschwungsdynamik zog zum fünften Mal in Folge auch die anderen Länder der Euro-Zone mit. Italien und Spanien verzeichneten ebenfalls die stärksten Produktionszuwächse seit Sommer 2000. Der Beschäftigungs-Teilindex stieg auf 51,8 von 50,9 Zählern. Die Dynamik der Neuaufträge verstärkte sich zum Vormonat weiter: Der Index legte auf 59,5 von 58,9 Punkten zu. Einige Analysten nannten die gute Entwicklung in der Industrie umso bemerkenswerter, als sich der Ölpreis und der Euro-Kurs zuletzt ungünstig entwickelt haben. Mit mehr als 74 Dollar je Fass (rund 159 Liter) kostet Rohöl in Europa derzeit so viel wie nie zuvor. Und allein binnen zwei Monaten hat der Euro über sechs Cent auf rund 1,26 Dollar an Wert gewonnen.

Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland

"In den kommenden Monaten könnte sich ein nüchternerer Ton in die Zukunftserwartungen der Unternehmen einschleichen", warnte David Brown, Chefvolkswirt Europa von Bear Stearns. Vor überschwänglichen Erwartungen warnte auch LBBW-Analyst Niklasch. Vorgezogene Käufe wegen der Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2007 würden zwar dieses Jahr ein schönes Wachstum bringen: "Nächstes Jahr allerdings steht uns eine kräftige Abkühlung wegen der Mehrwertsteuererhöhung ins Haus." Andere Experten wie Schmieding zeigten sich optimistischer. Die Wirkung der Steuererhöhung werde überschätzt: "Der Aufschwung ist kein Strohfeuer." Auch in anderen Ländern der Euro-Zone wie Italien oder Frankreich laufe die Konjunktur besser. Er erwarte bereits im ersten Quartal diesen Jahres ein Wachstum von 0,6 Prozent. (APA/Reuters)