Wien - Nach der spektakulären Flucht eines Häftlings aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt ist am Montag im Wiener Straflandesgericht jener Helfer verurteilt worden, der am 13. April 2005 in dreister Manier als falscher Anwalt ins Gefängnis spaziert war und den mutmaßlichen Kopf einer international tätigen Fälscherbande in die Freiheit gelotst hatte. "Ich hab' es aus freundschaftlichen Gründen getan. Ich hab' es nicht mitansehen können, wie er hier vor die Hunde geht", verantwortete sich der 28-jährige Mann.

Bei einem Strafrahmen von bis zu zwei Jahren verhängte Richterin Bettina Neubauer über den in Deutschland schwer Vorbestraften - das Landgericht Stuttgart hatte ihn im Juli 2001 wegen schwerer räuberischer Erpressung, Körperverletzung, Betruges und Menschenhandel zu fünf Jahren Haft verurteilt - 18 Monate Haft, davon sechs Monate unbedingt. Der Schuldspruch wegen Begünstigung und Fälschung besonders geschützter Urkunden ist nicht rechtskräftig. Der 28-Jährige, ein gebürtiger Kroate, nahm die Strafe zwar dankend an, Staatsanwalt Georg Krakow behielt sich jedoch eine Erklärung vor.

"Fälscherboss"

Dimitr K. gilt als ganz große Nummer im europäischen Fälschergeschäft. Der 45-jährige Ukrainer soll in seiner Fälscherwerkstatt unter anderem täuschend echt aussehende Führerscheine jedes europäischen Staates produziert haben. Lukrativer war die Herstellung von Euro-Blüten, die seine Bande angeblich bündelweise zu verbreiten trachtete. Der "Fälscherboss" konnte schließlich in Wien festgenommen werden, im April 2005 hätte er vor Gericht gestellt werden sollen.

Kurz zuvor gelang ihm allerdings die Aufsehen erregende Flucht, die - wie sein wichtigster Helfer nunmehr vor Gericht darlegte - akribisch geplant wurde. Zuerst besorgte man sich über einen Wiener Rechtsanwalt, den dafür auch ein Strafverfahren wegen Begünstigung erwartet, Informationen über den Häftlingsbereich im Landesgerichtlichen Gefangenenhaus.

Anwalt in Fluchtpläne eingeweiht

Der in die Fluchtpläne eingeweihte Advokat überließ der Bande außerdem seinen Anwaltsausweis, mit Hilfe dessen eine Legitimationsurkunde für den 28-jährigen Kroaten hergestellt wurde, die diesen als "Magister Mendel" auswies. Zusätzlich wurde ein getürktes Bestellungsdekret fabriziert, wonach die Wiener Rechtsanwaltskammer den falschen Magister zum Verteidiger vom Dimitr K. bestimmt hätte.

Dieser dirigierte vom Gefängnis aus seine Flucht und versorgte den Kroaten mit den nötigen Informationen. "Er hat's geschafft, sich ein Handy zu besorgen. Und er hat einen Tipp bekommen, dass eine Möglichkeit besteht, aus dem Halbgesperre heraus zu kommen", verriet der 28-Jährige dem Gericht.

Folglich besuchte der falsche Anwalt unter Vorlegung der falschen Urkunden den Boss zunächst im Gefängnis, um sich vorerst einen Überblick zu verschaffen: "Ich hab' selber nicht geglaubt, dass es so einfach geht." Die Justizwache hätte sich aber gar nicht besonders für ihn interessiert, ihm vielmehr sogar bereitwillig den Weg Richtung Zellenbereich gewiesen.

Im Eingangsbereich nicht kontrolliert

Weil alles problemlos zu funktionieren versprach, wurde die Flucht auf den 13. April 2005 fixiert. Der vermeintliche Verteidiger hatte beim zweiten Besuch einen großen Pilotenkoffer mit, in dem sich eine Aktentasche sowie ein Anzug, Schuhe, eine Krawatte und eine Brille für Dimitr K. befanden. Er wurde im Eingangsbereich wiederum nicht kontrolliert, gab er an: "Der Beamte hat Zeitung gelesen."

Dimitr K. zog sich im nicht überwachten Besprechungszimmer seelenruhig um und folgte seinem Helfer, als dieser Richtung Ausgang ging. Die Justizwache dürfte beide für Anwälte gehalten haben. Sie gelangten unbehelligt ins Freie. Draußen soll Dimitr. K. seinem jungen Helfer aus Dankbarkeit seine teure Uhr überlassen haben, was dieser in der Verhandlung jedoch scharf zurückwies: "Er war ein Freund! So was macht man nicht für Geld, für Peanuts!" Er habe "selbstverständlich gar nichts" bekommen.

Dimitr K. setzte sich in weiterer Folge Richtung Südeuropa ab, befindet sich mittlerweile aber wieder in Haft. Der Ukrainer konnte nach langwieriger, länderübergreifender Ermittlungstätigkeit Anfang Oktober in Bulgarien festgenommen werden. Dort soll er zunächst in einem Inlandsverfahren für diverse strafbare Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Die bulgarische Justiz hat versprochen, ihn anschließend auszuliefern, damit ihm in Wien doch noch der Prozess gemacht werden kann. (APA)