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"Spring Rounds": naiv, frühlingshaft beschwingt

Foto: AP /Paul Taylor Dance Company, Lois Greenfiled
St. Pölten – Die Dance Company des 75-jährigen Amerikaners Paul Taylor, die am Samstag einmalig im Festspielhaus St. Pölten gastierte, ist eine freundliche Truppe. Über die Geschmeidigkeit der darin tanzenden menschlichen Zierfische verwirklicht sich ein aalglatter Routinier mit 50 Jahren Berufserfahrung.

Wie gestanzt wirken auch die drei kurzen Arbeiten, die Taylor in der niederösterreichischen Landeshauptstadt zeigte: Spring Rounds naiv, frühlingshaft beschwingt, Dust dramatisch zu Herzen gehend, sowie Promethan Fire: ohne Gewicht ins Pathetische weisend. Diese anmutige Oberfläche ist die Zwangsjacke des US-Gegenwartstanzes, der seit einem Vierteljahrhundert in der Krise steckt. Das fesselnde Kleid ihrer gefälligen Virtuosität und biederen Betulichkeit scheint den Tänzern so sehr an die puritanischen Leiber gewachsen zu sein, dass es ihnen gar nicht mehr auffällt.

Hier hört das Tanzen – obwohl es so hübsch "tänzerisch" aussieht – auf, Kunstform zu sein. Taylor beherrscht die Kunst der prickelnden Lappalie so perfekt, dass sie gleichsam als Simulakrum des Unprätentiösen daher hüpft, schamlos ölig im Vermeiden jeglicher Reibung und in der spekulativen Belanglosigkeit der Themen. Unverschämt wird Taylor dort, wo er im körperlichen Tanzen alles Kritische abweist, das heute so dringend über den amerikanischen Körper zu sagen wäre.

Diese aggressive Harmlosigkeit reinigt die Bühne von allen wirklichkeitsbezogenen Einflüssen. Verdrängt oder bis zur Unkenntlichkeit verklärt erscheint davor die choreografische Moderne und Postmoderne der USA, die den Tanz des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt haben: mit Isadora Duncan, Martha Graham, Merce Cunningham und dem Judson Dance Theater. Was bleibt, ist Taylor.

Seit der Entlassung der ^abcdancecompany agiert Festspielhaus-Intendant Michael Birkmeyer als Spektakelmaestro. Nolens oder volens erfüllt er strukturelle Bedingungen. Aber immerhin kann Bernd R. Bienert ab 20. Juni im selben Festspielhaus ein neues Format des vormals reichlich verblümten Festivals Österreich tanzt präsentieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2006)