Bild nicht mehr verfügbar.

Jacques Chirac im Jahr 1998, am 150. Jahrestag des Verbots der Sklaverei, vor einem Gemälde zu diesem Thema.

Foto: Reuters/Wojazer
Die Grande Nation besinnt sich langsam ihrer dunklen Vergangenheit. Wie andere Kolonialmächte hatte Frankreich vor allem im 19. Jahrhundert an der Verschleppung von Millionen von Afrikanern Anteil. Auch nach ihrem Verbot im Jahre 1848 blieb die Sklaverei in Frankreich ein Tabuthema. Noch 1998, als in Paris zum 150. Jahrestag fast 40.000 Schwarze auf die Straße gingen, schwiegen die französischen Medien den Anlass tot.

Das mobilisierte die Afro-und Übersee-Franzosen umso mehr. Unter ihrem Druck musste die französische Nationalversammlung am 10. Mai 2001 ein Gesetz erlassen, in dem die Sklaverei als "Verbrechen gegen die Menschheit" bezeichnet wird - wie die Shoa im Zweiten Weltkrieg oder der Völkermord an den Armeniern.

Viele Parlamentarier - die 555 Festland-Abgeordneten sind ausnahmslos weißer Hautfarbe - rechneten wohl insgeheim damit, dass das Gesetz ohne Folgen bleiben würde. Doch jetzt begann es unter den Schwarzen in den großen Vorstädten erst richtig zu rumoren. Der Komiker Dieudonné skandierte antifranzösische und antisemitische Sprüche, und der Autor Serge Bilé veröffentlichte ein Buch über "die Schwarzen in den Nazi-Lagern". Als im vergangenen November die Banlieue-Gettos explodierten und tausende von Autos brannten, fiel die starke Präsenz junger Schwarzafrikaner auf.

Kurz darauf gründeten afrofranzösische Politiker einen "Dachverband der schwarzen Vereine" (Cran). Anfang dieses Jahres sprangen auch die Medien auf: Der größte Fernsehsender, TF1, wählte mit Harry Roselmack aus Martinique erstmals einen schwarzen Tagesschau-Sprecher.

Kolonialvergangenheit, Sklaverei und "schwarze Frage" wurden Medienthemen. Das passte nicht allen Franzosen: Kolonial- und Algerien-Nostalgiker im Parlament wollten die französischen Lehrer per Gesetz zwingen, im Unterricht die "positive Rolle" des Kolonialismus hervorzuheben. Dies löste eine gewaltige Polemik aus, und Chirac musste das Gesetz im Jänner wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Fünf Tage später gestand er der schwarzen Bevölkerung den lange geforderten nationalen Sklaverei-Gedenktag zu. Als Datum wählte er den 10. Mai, in Erinnerung an das Gesetz über das "Verbrechen gegen die Menschheit".

Auch dagegen gibt es allerdings Widerstand. Namhafte Historiker wie Pierre Nora oder René Rémond kritisierten in einer viel beachteten Petition das Übermaß an politisch motivierten Gedenktagen. Sie verlangen auch generell den Verzicht auf den Begriff "Verbrechen gegen die Menschheit". Die Historiker-Petition wird von afrikanischen, aber auch jüdischen und armenischen Verbänden heftig bekämpft. Chirac stellt sich hinter sie, da er nicht zuletzt neue Banlieue-Unruhen vermeiden will. Und im Unterschied zu ihren Urgroßeltern haben die Sklavennachfahren eine Stimme. Eine Wählerstimme. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2006)